Tag-Archiv | Jugendbuch

Achtung Buch: Ein Meer aus Tinte und Gold von Traci Chee

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Kaum beginnt das neue Jahr, wird es auf meinem Blog nach einer kurzen berufsbedingten Pause auch richtig spannend, denn ich nehme euch mit auf eine Reise ins Abenteuer der jungen Sefia.

Seit Sefias Eltern gestorben sind, gibt es nur noch eine Person im Leben des jungen Mädchens: ihre Tante Nin. Schon immer zogen die beiden durch das Land, auf der Flucht vor einem unheimlichen Verfolger. Alles scheint gut zu sein, bis Tante Nin plötzlich entführt wird uns Sefia ganz allein zurückbleibt. Die einzige Spur zu ihrer Tante ist ein mysteriöser Gegenstand im Rucksack, den Sefia schon mit sich führt, so lange sie denken kann. Dabei handelt es sich um nichts Geringeres als um ein Buch. Was ein Buch ist? Das weiß Sefia nicht, denn in ihrer Welt spielen Bücher keine Rolle. Niemand ist sich der Macht des geschriebenen Wortes bewusst. Wirklich niemand?

Sefia beginnt, sich intensiv mit dem Buch zu beschäftigen, ist es doch die einzige Spur, die sie zu ihrer Tante Nin führen kann. Schnell erkennt sie dabei die gewaltige, geheimnisvolle und magische Kraft, die sich im Inneren des Buches befindet. Eine Kraft, die sie nur dann entschlüsseln kann, wenn sie sich auf eine gefährliche Reise begibt. Zum Glück muss sie diese Reise nicht alleine antreten, denn unverhofft kommt es zur Begegnung mit einem treuen Begleiter. Sefia rettet den jungen, stummen Archer aus den Fängen brutaler Männer. Dafür schwört ihr Archer ewige Freundschaft und Treue. Und nach und nach entschlüsseln die beiden jungen Abenteurer nicht nur das Geheimnis des Buchs, sondern auch das Geheimnis ihrer eigenen Herkunft…

Das erste Buch von Kelanna, „Ein Meer aus Tinte und Gold“ von Traci Chee ist ein fulminanter Auftakt zu einer spannenden und magischen Jugendbuchwelt. Man befindet sich mitten in einer Welt, in der weder Bücher, noch das geschriebene Wort von Bedeutung zu sein scheinen. Auf den ersten Blick zumindest. Denn: Schaut man in die Tiefe, erkennt man bald, dass genau die Macht der Bücher die große Gefahr ist, in der sich Archer und Sefia befinden. Keine Bücher, also auch keine Geschichten? Zum Glück ist dem nicht so, denn auf traditionelle Weise erzählen sich die Menschen die Geschichten der großen Abenteurer und Helden, die so stets am Leben erhalten werden. Ein Appell an uns möglicherweise, auch die Geschichten unserer Ahnen am Leben zu erhalten und weiterzuerzählen? Ich finde, es ist ein schöner Gedanke, der durch Figuren wie Kapitän Lees und die Erzählungen über ihn in mir zu keimen begann. Er ist nur eine von einer Vielzahl einzigartiger und liebevoll gezeichneter Figuren, die Sefia und Archer während ihrer abenteuerlichen und gefährlichen Reise begleiten. Schon früh zur Selbstständigkeit erzogen, wurde aus dem jungen Mädchen schnell eine kluge und mutige Überlebenskünstlerin, die sich frei von Angst jeder Gefahr stellt. Je mehr sie sich mit dem Buch auseinandersetzt, desto mehr erschließen sich ihr die Buchstaben und die Welt der Wörter – sie bringt diese in die Welt hinaus und sich damit noch in größere Gefahr.

Der Erzählstil der Autorin hat mich besonders begeistert. Von ruhigen Tönen bis hin zu spannenden, fast atemlos machenden Beschreibungen hat das Buch alles, um den Leser von der ersten bis zur letzten Seite gebannt zu halten. Dazu tut auch die liebevolle Gestaltung des Buches ihr Übriges. Da findet man ausgebrannte Textstellen, mysteriöse Symbole und kleine Rätsel, die das Lesen zu einem eigenen Abenteuer machen und den Leser so noch tiefer in Sefias Welt eintauchen lassen. Der Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart ist zwar manchmal etwas schwierig zu verfolgen, aber den roten Faden verliert man eigentlich nie. Für mich war „Das Meer aus Tinte und Gold“ ein wundervoller Auftakt und ich freue mich schon sehr, bald wieder nach Kelanna zurückkehren zu dürfen.

Achtung Buch: Holmes und Ich – Die Morde von Sherringford von Brittany Cavallaro

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Manche Bücher kommen genau zur rechten Zeit, so wie dieses. Als ich im März meine erste Klasse übernommen habe, stand das Thema Krimi ganz hoch im Kurs auf dem Lehrplan und damit einhergehend natürlich große Namen wie Sherlock Holmes, Agatha Christie und Alfred Hitchcock. Namen, die aus dem Krimigenre nicht mehr wegzudenken sind und die ihren guten Ruf bis heute gewahrt und verstärkt haben. Agatha Christie erfährt ein großes Comeback im Aufbau Verlag und Sherlock Holmes verfolgt uns in einer brillanten Neuverfilmung als Serie mit dem fabelhaften Mr. Cumberbatch und Co. Doch auch aus dem Bereich Jugendbuch kann man den Charmanten Detektiv mit seinen Markenzeichen Mütze und Pfeife nicht mehr wegdenken. Auf vielfältige Weise begegnet er uns immer wieder, sei es bei Fischer FJB als Young Sherlock Holmes oder nun hier im DTV. Eins haben sie aber alle gemeinsam: Sie verstehen das Publikum zu fesseln.

Und dieses Handwerk versteht auch Brittany Cavallaro in ihrem Buch „Holmes und Ich“, obwohl, oder gerade weil sie einmal eine ganz andere Herangehensweise wählt. Stellt euch vor, ihr müsst eure geliebte Heimat London verlassen, da ihr ein Stipendium für einen Platz an einem Elite-Internat an der Ostküste der USA erhalten habt. Kann passieren, denkt ihr euch. Aber dann trefft ihr genau dort auf den Menschen, der euer Unterbewusstsein schon das ganze Leben lang beschäftigt: Charlotte Holmes, Nachfahrin des einzigartigen und legendären Sherlock Holmes. Und ihr? Ihr seid kein Geringerer als Jamie Watson, Nachfahre Doktor Watsons. Schicksal, Vorhersehung, Zufall oder doch ein abgekartetes Spiel? Findet es heraus! Euch bleibt nicht viel Zeit, denn schon kurze Zeit, nachdem ihr an der Eliteuniversität angekommen seid, geschieht ein erster Mord. Hauptverdächtige: Jamie Watson und Charlotte Holmes. Misstrauen und Beobachtung von allen Seiten folgen auf die Geschehnisse und auf einmal holt euch die Vergangenheit ein. Nur ihr beiden könnt gemeinsam den Mord von Sherringford  aufklären. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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Brittany Cavallaro ist mit ihrer Version von Sherlock Holmes ein toller Auftakt gelungen. Von einer ganz neuen Seite beleuchtet sie das Leben des berühmten Detektivs, nämlich durch die Augen seiner Nachfahrin Charlotte, die ihm gar nicht so unähnlich ist. Ausgestattet mit einer sehr egozentrischen und eigenen Art sowie zahlreichen Ticks, gelingt es ihr sehr schnell den jungen Watson in ihren Bann zu ziehen, der eigentlich nichts wollte, außer ein ruhiges Leben zu führen und eins tunlichst zu vermeiden: Charlotte Holmes zu begegnen. Unmöglich! Denn schon bei der ersten Begegnung ist es um den jungen Mann geschehen. Nach und nach raufen sich die beiden mehr zusammen und Watson gelingt es, den harten Panzer um den Kern Charlottes zu durchbrechen. Beide Charaktere erzählen und berichten parallel über ihre Erlebnisse, sodass der Leser die verschiedenen Gedanken sehr plastisch vermittelt bekommt. Dabei spart die Autorin an keiner Stelle mit Details und Beschreibungen, sodass vor dem inneren Auge des Lesers eine sehr lebendige Welt entsteht. Ebendiese Perspektivenwechsel machen das Buch sehr spannend und halten den Leser in den Seiten gefangen. Man mag das Buch kaum mehr aus den Händen legen, wenn man einmal damit begonnen hat.

Der Autorin ist hier ein wirklich tolles Jugendbuch gelungen. Die gewählte Thematik punktet mit Spannung, einer gut durchdachten Handlung, aber auch mit viel Romantik und Herzblut, was im Jugendgenre einfach auch nicht fehlen darf. Schauplätze und die Atmosphäre sind zauberhaft beschrieben und mit viel Liebe zum Detail zum Leben erweckt worden und stets schwebt die Erinnerung an die großen Vorbilder über der Geschichte. Ein prima Auftakt, den ich jedem Jugendlichen Krimifreund und auch den „großen“ Verehrern von Sherlock Holmes nur empfehlen kann. Ich freue mich schon auf weitere spannende Abenteuer der beiden!

Achtung Buch: Die Seiten der Welt „Blutbuch“ von Kai Meyer

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Eine Weile ist es nun schon her, seit das „Blutbuch“ im Fischer Verlag das Licht der Welt erblickt hat. Warum ich es jetzt erst bespreche, fragt ihr euch sicher. Aus mehreren Gründen: Der erste ist mein neuer Job, der mich so auf Trab hält, dass ich mir nicht nur einmal das Bookboard gewünscht habe, um meine Wege zu verkürzen – von Lesezeit ganz zu schweigen. Der zweite Grund wiegt natürlich noch viel schwerer – zumindest aus buchiger Sicht: Das „Blutbuch“ ist der dritte Band aus der Reihe um Kai Meyers „Seiten der Welt“ und somit das Finale. Finale bedeutet immer etwas Endgültiges, einen Abschluss und auch einen Abschied von den geliebten Charakteren, die man mehrere Jahre lang begleitet hat, mit denen man gelacht und gelitten hat. Wie man die Monate bis zum Erscheinen des Folgebandes gehibbelt hat, weil man kaum erwarten konnte, wieder tief in die „Seiten der Welt“ einzutauchen. Dazu noch die tollen Aktionen des Verlags, die uns Lesern die Welt rund um Libropolis und seine Einwohner, Gauner, Schurken, Kämpfer des Friedens und Freunde noch nähergebracht und unsere Fantasie so richtig zum Kochen gebracht haben. All das soll nach dem Finale nun vorbei sein…

Ich gebe zu, ich wollte nicht, dass die Reihe endet. Zu viel habe ich mit Furia und ihren Freunden erlebt. Vom ersten Moment an war ich tief in der Welt der Bibliomantik gefangen, lernte Tintlinge, die gefürchteten Ideen, die Kämpfer des Widerstands und viele mehr kennen. Ich erfuhr, was Gut und Böse ist und auch, dass Böse zu Gut und Gut zu Böse werden kann, dass Schein oft mehr ist als Sein, aber auch zu Sein werden kann. Wilde Exlibri wurden zu treuen Freunden, der einzigartige Duft von gespaltenen Seitenherzen lag allerorts in der Luft, während der Fischer Verlag uns einlud, ein Bookboard zu besteigen und so die Refugien aus luftiger Höhe zu erobern.

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Die Liebe zum Buch, zum Wort und auch die Macht des geschriebenen Wortes wurden in jedem Satz, auf jeder Seite deutlich. Die Phantasie Kai Meyers ist dabei einfach unschlagbar – ein wahrer Großmeister der Phantastik. Er erschafft literarische Welten, die vor dem inneren Auge des Lesers zum Leben erwachen. Welten in einer absoluten Vollendung geschrieben, mit einer eigenen Geschichte ausgestattet, die ausgeklügelter und in sich schlüssiger nicht sein könnte. Einer Geschichte, die niedergeschrieben wurde und somit erst zur Realität wurde und den eigentlichen Stein ins Rollen brachte. Mir soll an dieser Stelle verziehen sein, dass ich mir die Details zum Inhalt des Buches spare. Wer die ersten beiden Bände der Reihe gelesen hat, wird den dritten Band schon lange herbeigesehnt haben, und für diejenigen, die die ersten beiden Teile nicht kennen, wird der dritte Band einer Trilogie wohl kaum von inhaltlicher Relevanz sein.

Doch zurück zur Geschichte: Drei Bände brauchte es unbedingt, um sie zu erzählen, zu schreiben und auch, um sie umzuschreiben. Die „Seiten der Welt“ als fulminante Ouvertüre, die uns in die Welt Furias und der Bibliomantik entführte, „Nachtland“ als eine Art Entwicklungsroman, in dem sich Charaktere entfalten konnten, sich neue Wege auftaten, neue Wege begründet wurden und in dem ganz neue Refugien entdeckt wurden. Bestehendes wurde hinterfragt, Gewohntes verändert oder umgestürzt, eine merkliche Aufbruchsstimmung in eine neue Zeit war spürbar geworden. Und nun das „Blutbuch“ als episches Finale. Blut, der Stoff des Lebens, Blut als Symbol der Zugehörigkeit zu einer Familie oder/und der Verbundenheit. All diese Aspekte spielen in gewisser Weise eine wichtige Rolle.

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Jedem einzelnen Charakter wurde eine bestimmte Rolle zuteil, er entwickelte sich weiter, musste über sich hinauswachsen und sich seinem persönlichen Schicksal stellen. Nicht selten gingen diese Entwicklungsprozesse mit Schmerz und Leid einher, jedoch liegt die Betonung auch stets auf den Werten der Freundschaft und Loyalität. Am Ende laufen alle Fäden zusammen, man versteht, warum alles so kam wie es kommen musste. Doch bis zu diesem Moment erlebt man ein wahrlich episches Finale in den Tiefen der Seiten der Welt. Furia, Isis und Cat sind meine definitiven Favoritinnen des Buches, was nicht bedeutet, dass die anderen Charaktere nicht genauso gut gezeichnet sind. Jeder einzelne strotzte vor Komplexität, Lebendigkeit und einer eigenen Persönlichkeit, die bis ins kleinste Detail ausgefeilt wurde. Dabei bleibt auch die eigene Person – die Person des Autors – nicht außen vor. Schonungslos stellt er seine Rolle infrage, zeigt indirekt auf, welche Macht das geschriebene Wort hat und übt auch ausreichend Kritik.

Man kann nur sagen, dass Kai Meyer ein absolutes Gesamtkunstwerk gelungen ist: Eine Hommage an das geschriebene Wort, eine Welt, in die man eintaucht, in die man sich verliebt, die man tief inhaliert und die man nicht mehr missen möchte. Eine Welt, in der die Geschichte um Furia in Ende fand, die aber so komplex aufgebaut ist, dass am Ende die Hoffnung auf neue Abenteuer in den Refugien bleibt und wir dem einen oder andren liebgewonnenen Charakter doch noch einmal über den Weg laufen werden. Definitiv wurden die „Seiten der Welt“ zu meinem Seelenbuch, das mit all seiner Bibliomantik mein Seitenherz gespaltet hat. Danke dafür, danke für ein buchiges Wunder, lieber Kai!

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Achtung Buch: Sommernachtstraum von Tanya Lieske

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Shakespeares ›Sommernachtstraum‹ als Schultheaterprojekt! Voller Vorfreude stürzen sich Ben und seine Schüler in die Proben. Hermia liebt Lysander, Helena will Demetrius, Oberon straft Titania, und die Feenkönigin liebt plötzlich einen Esel: willkommen in Shakespeares Sommernachtstraum! Während die Theatertruppe versucht, der verschlungenen Verwechslungskomödie um verwirrte Liebespaare Herr zu werden, geraten die Liebesgeschicke aller Beteiligten ziemlich durcheinander: Struppi liebt Mireille, Mary Jane will Ben und Bens Freundin trifft sich heimlich mit Mireilles Vater. Bald weiß niemand mehr, wer eigentlich gerade in wen verliebt ist …

»Verliebte und Verrückte
Sind beide von so brausendem Gehirn, 
So bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt, 
Was nie die kühlere Vernunft begreift!«

Soweit beschreibt der Klappentext das Buch, das ich von dem Moment an, als ich diesen las, unbedingt haben wollte. Shakespeares „Sommernachtstraum“ im Hinterkopf, perfekt für den Sommerabend an dem man die Elfen erahnen kann, während draußen die Grillen zirpen. Oberon und Titania, dazwischen den kecken Puck, der seinen Schabernack treibt, um die Liebenden zu necken, bis am Ende jeder den richtigen Partner gefunden hat. Diese Geschichte adaptiert als Theaterstück einer 9. Klasse – das kann sehr unterhaltsam sein, dachte ich, und nahm mir das Buch letzte Woche an einem richtig schönen Sonnentag mit in den Garten. Doch schon bald zeichnete sich ab, dass dieses Buch viel mehr ist, als nur eine Adaption des beliebten Klassikers.

Wieso? Ganz einfach: Die Autorin holt das Stück ins Hier und Jetzt, lässt es eine Schulklasse aufführen, die gerade mitten in der Pubertät steckt und der all die Irrungen und Wirrungen, die Shakespeare schon vor über 400 Jahren aufschrieb, mehr als bekannt ist – auch wenn die Kids den Klassiker sicher noch nicht in den Händen hatten – wenn doch, dann aber sicher nur widerwillig als Pflichtlektüre. Und da stecken wir auch schon mitten im Geschehen. Während die Kinder für das Stück proben, läuft das normale Leben weiter. Doch was ist schon normal? Mobbing, Schikane, Probleme zuhause, schwache Elternhäuser, Karriere, wenig Zeit für die Kinder, Gruppenzwang – das sind Stichworte, die heute leider an vielen Stellen schon zum Alltag gehören und aus diesem nur schwer wegzudenken sind. Natürlich sind das oftmals Einzelfälle, aber wenn man diese summiert, kommt man teilweise auf erschreckende Bilanzen. Ich arbeite ja seit März als Lehrerin an einer Oberschule und bin mit all diesen Themen schon in Berührung gekommen, manchmal fassungslos, dass es das wirklich in diesem Maße gibt, berührt und immer bemüht, den Kids zu helfen. Genau wie Ben – der junge Englischlehrer. Auch er versucht, mithilfe seiner Inszenierung des „Sommernachtstraums“ die Kids ein Stück weit aus der Realität zu entführen und sie ihren Alltag vergessen zu lassen.

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Doch das kann nicht gänzlich gelingen, da an vielen Stellen Realität und Klassiker verschmelzen – siehe Klappentext. Die Liebe geht die merkwürdigsten Wege und trifft dabei auf die Alltagsprobleme der Jugendlichen und auch auf die Erwachsenen, die oft ihr Päckchen zu tragen haben. Darüber erfahren wir durch die verschiedenen Erzählperspektiven, die uns die Protagonisten in all ihren Gefühlen – von Freude bis Trauer, von Euphorie bis Melancholie, von Liebe bis Schmerz – nahebringen. Man erfährt die Dinge, die zu Hause hinter den Kulissen passieren, man lernt sie im strahlenden Scheinwerferlicht kennen, sieht aber auch ihre Verzweiflung und Tränen, wenn der – metaphorisch betrachtete – Vorhang gefallen ist. Jeder spielt jeden Tag seine Rolle und ich war so oft sehr berührt, was auch durch den wundervoll sanften und einfühlsamen Erzählstil der Autorin verstärkt wurde, die sich sehr gut in die Seele eines 15jährigen Teenagers hineinversetzen kann.

Begleitet wird die Geschichte von keinem anderen als von Shakespeare persönlich, der an vielen Stellen mit Ironie und Witz, aber auch mit Tiefgründigkeit das Geschehen kommentiert. An seiner Seite agiert der Elfenkönig Oberon, der es nicht für nötig erachtet, im Hintergrund zu bleiben, sondern viel lieber direkt auf der Erde herumspaziert und so – verkleidet als Bettler – unbemerkt die Geschicke der Protagonisten in die richtige Richtung lenkt und deren Wege kreuzt. Eins wird beiden aber deutlich: Es gibt Probleme, die auch die Jahrhunderte nicht lösen können, vor allem in Bezug auf die Liebe und die dazugehörigen Probleme.

Die Geschichte fließt beim Lesen nur so dahin und war viel zu schnell vorbei. Man begleitet die Protagonisten mit all ihren Problemen wie der ersten Liebe, Mobbing, Magersucht, Verwahrlosung und erkennt so viele Bekannte darin wieder. Ein großer Teil Gesellschaftskritik, der in dieser Geschichte verarbeitet wird und mich sehr getroffen hat, sehe ich doch genau das fast täglich. Ein Jugendbuch ist hier entstanden, das einerseits amüsiert und andererseits tief berührt und aufrüttelt. Kein leichter Lesestoff! Wirklich nicht. Aufgrund der Fülle der angeschnittenen Themen, blieb manches Thema mehr an der Oberfläche und wird auch nicht zum Ende gebracht, was einerseits etwas schade ist, andererseits dem Buch aber keinen Abbruch tut, da es so dennoch wichtige Denkanstöße gibt, die jeder für sich selbst betrachten und benutzen kann.

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Insgesamt haben wir hier einen Jugendroman, der mich mehr als begeistern konnte. Ein Hauch von Mystik und Fantasie trifft auf Realität und eine berührend tragisch-komische Geschichte. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlasse ich diese Seiten, die mir direkt vor Augen geführt haben, wie das Leben als 15jährige(r) war, ist und immer wieder sein wird: Ein Chaos aus Gefühl, Liebe, Orientierungslosigkeit und dazu noch dem alltäglichen Wahnsinn des Lebens obendrauf. Und dennoch bleibt  auch da immer der Hauch des Fernstaubs, der das ganze überstrahlt! Eine klare Leseempfehlung meinerseits und wohl eins der besten und überraschendsten Bücher des Jahres!

 

Achtung Buch: The Diviners 2 – Die dunklen Schatten der Träume

 

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Endlich ist es soweit, Evie O’Neill ist zurück! Und viel ist geschehen. Mittlerweile ist die Existenz der Diviners kein Geheimnis mehr und ein regelrechter Medienansturm ist ausgebrochen. Mitten drin steht natürlich unser Sternchen Evie, die den Ruhm als America’s Sweetheart in einer eigenen Radioshow voll auskostet. Sehr gelegen kommt ihr dabei auch das kleine Schauspiel mit Sam, in dem beide öffentlich als DAS neue Traumpaar auftreten.

Onkel Will, Jericho und einige andere Freunde sehen diese Entwicklung doch eher mit gemischten Gefühlen, da der Ruhm die Sinne auch ganz schön benebeln kann. Außerdem geht es dem Museum für Okkultes auch immer schlechter – Probleme, die Evie einfach nicht für voll nehmen will, denn dafür ist ihr Leben im Moment einfach zu strahlend perfekt.

So bemerkt sie auch nicht, welches große Unheil sich über der ganzen Stadt auszubreiten beginnt. Mehr und mehr Menschen werden von einer mysteriösen Schlafkrankheit befallen. Sie wachen nicht mehr aus und sterben letztendlich, ohne dass jemand etwas tun kann, oder man im Vorfeld Symptome erkennen kann. Schnell stellt sich heraus, dass die Betroffenen in zunächst wundervollen Traumwelten gefangen sind. Diese sind jedoch nur so lange wundervoll, wie sich der Träumer freiwillig und gern in ihr aufhält. Wie eine Sucht breitet sich die Sehnsucht nach diesen schönen und so realen Traumwelten aus. „Träum mit mir!“, säuseln verführerische Stimmen und reißen die Schlafenden in ihren Sog. In Chinatown beginnt dieses Phänomen, was unweigerlich zur Folge hat, dass die dort ansässigen Chinesen dafür verantwortlich gemacht werden. Eine Hasswelle erfasst die Stadt und überflutet sie an der Oberfläche, während in der Unterwelt unheimliche Wesen in dunklen Tunneln ihr Unwesen treiben.

Henry ist es, der zuerst auf die Geschehnisse zu reagieren beginnt, während sich die anderen mit ihren eigenen Problemen herumschlagen. In seinen Träumen begegnet er der jungen Chinesin Lin, deren besondere Fähigkeit – genau wie seine – das Traumwandeln ist. Gemeinsam kommen sie weiteren Geheimnissen auf die Spur und stellen schnell fest, dass all die mysteriösen Ereignisse unweigerlich miteinander in Zusammenhang stehen und die Stadt in eine große Gefahr stürzen. Wird es den jungen Diviners gelingen, die Stadt vor der kompletten Zerstörung zu retten, oder werden sie diesmal an die Grenzen ihrer Fähigkeiten stoßen?

*

Sehnsüchtig habe ich nach dem grandiosen Auftaktband auf diesen zweiten Teil gewartet und wurde nicht enttäuscht. Noch mehr Seiten, noch mehr Spannung, tolle Entwicklungen, Ereignisse, die sich überschlugen und mich beim Lesen fesselten. Herz, was willst du mehr? Die Goldenen Zwanziger in New York bilden auch hier die Kulisse mit Party, Musik, Alkohol, Glamour und dem Flair des neuen Amerika, das alle Möglichkeiten bereithält. Mitten drin Evie, beliebt, strahlend, verrückt wie eh und je. Nach wie vor ein toller Charakter, dem der Ruhm allerdings etwas zu sehr zu Kopfe gestiegen ist. Sie schwebt durch die Welt, ohne dabei den Blick auf der Realität zu behalten. Nur auf den eigenen Erfolg bedacht, stößt sie Freunde und Familie nicht nur einmal vor den Kopf, was sie einige Sympathiepunkte kostet. Aber für die Entwicklung der Geschichte ist dies genau richtig, denn irgendwann musste das Sternchen einen Knacks bekommen, um nicht gar zu sehr als erfolgreiches Flapper-Girl dargestellt zu werden, das mit links zwischen zwei Partys schwierige übersinnliche Fälle zu lösen vermag.

Eine tolle Chance für Henry, der in dieser Geschichte stark in den Vordergrund rückt. Auch er gerät in die trügerisch-süßen Fänge der Traumwelten, wird ihm doch dort vorgegaukelt, dass er seine große Liebe Louis wiederfinden kann. Dort trifft er auf Lin, die auch eine Traumwandlerin ist und die versucht, Henry bei der Suche nach Louis zu helfen. In Sachen Liebe wird dabei aus Henry allerdings auch nur ein Mensch mit Gefühlen, der denn Sinn für die Ratio komplett verliert und sich der Illusion hingibt, Louis wirklich finden zu können, ohne dabei die Gefahr zu realisieren, in der er eigentlich schon steckt.

Auch die bisherigen Nebencharaktere Theta, Mabel, Jericho, Will und Sam sind grandios gezeichnet und schnell wird deutlich, dass sich aus den Nebencharakteren vollwertige Figuren entwickelt haben, die allesamt ihren Beitrag zum Geschehen leisten müssen. Jeder hat eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen und setzt dafür seine bestimmte Gabe ein. Nur gemeinsam ist es möglich, der Gefahr die Stirn zu bieten und eine Chance zu haben, die Stadt zu retten. Ob Evie das auch noch rechtzeitig einsehen wird und den Boden unter den Füßen wiedergewinnt, bevor es zu spät ist?

Genau wie der erste Teil, konnte mich „Die dunklen Schatten der Träume“ von Anfang bis Ende überzeugen. Auch wenn alles etwas ruhig und gezogen begann, stellte man schnell fest, dass dahinter eine gute Absicht der Autorin steckte, nämlich dem Leser die mühevoll konstruierte Welt zwischen Traum und Realität nahezubringen. Dies geschah auf eine genau so subtile und sensible Art und Weise, wie die einzelnen Charaktere in den Bann der gefährlichen Träume gerieten. Ein absoluter Pluspunkt in der strukturellen Entwicklung der Geschichte, die sprachlich sowieso stark punkten kann. Man gleitet nahtlos über vom lauten New York der Goldenen Zwanziger in eine auf den ersten Blick ruhige und perfekte Traumwelt, bevor man beginnt, die unterschwellige Gefahr zu spüren, die sich im Verlauf des Buches wie ein Nebel über die Geschichte legt. Immer Kälter wird dieser Nebel und schnürt einen in die Gefahr ein, die die Stadt zu zerstören droht. Man fliegt atemlos durch die Geschichte, fiebert mit Henry und Lin und den anderen dem Finale entgegen und bleibt mit dem Gefühl zurück, dass ein wirklich tolles Buch gerade zu Ende gegangen ist. Hoffentlich müssen wir nicht so lange auf den dritten Band warten! Eine klare Empfehlung meinerseits!

achtung buch: ruby redfort – dunkler als die nacht von lauren child

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Wieder ging eine Zeit ins Land, doch nun ist Super-Ruby wieder am Start. Nachdem sie sich im letzten Band wahrlich körperlich ausgezahlt hat und nun noch mit Gips durch die Welt düst, haben auch ihre Eltern den Zögling enger im Blick denn je. Eine Tatsache, die unserer kleinen Heldin natürlich gar nicht in den Kram passt. Schließlich ist sie die beste Codeknackerin des Geheimdienstes Spektrum.

Doch auch dort läuft nicht alles, wie es soll. Ruby hat sich mit ihrem Wagemut nicht nur Freunde geschaffen und auch ihr eigenes Leben aus dem Blick verloren. Zu selbstbewusst glaubt sie, dass ihr nichts passieren kann – schließlich wäre sie sonst schon viel zu lange tot – und stürzt sich wagemutig in die Abenteuer. Eine Tatsache, die LB, die Chefin bei Spektrum, einfach nicht gut heißen kann, da Ruby damit nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen Agenten in Gefahr bringt. So findet sich das toughe Mädel schneller auf Bewährung wieder, als ihr lieb ist. Eine Chance bekommt sie, um weiterhin im Außendienst tätig zu sein, eine Chance, die sie gekonnt vermasselt.

In einem Hindernislauf sollen Gegenstände gefunden werden. Eine Aktion, die Ruby meistert, dabei aber das Wesentliche aus den Augen verliert: die Umsicht und Achtsamkeit. Mehr als einmal würde sie im Ernstfall dem Tod von der Schippe hüpfen, beziehungsweise gar nicht überleben, da sie wichtige Merkmale wie Hinweise auf Gift etc. einfach übersieht. Eine zu große Gefahr stellt Ruby also dar – für sich und für ihr Umfeld. Absolutes Außendienstverbot wird von LB ausgesprochen, und Ruby muss sich gezwungenermaßen fügen.

Und das, wo sich ein neuer, spannender Fall anbahnt, der den vorhergehenden Abenteuern in keinster Weise nachsteht. Ein mysteriöse Einbruchserie erschüttert Twinford und alle Spuren führen zur berühmten Schauspielerin Margo Bardem. Wie kann das sein? Die Einbrüche erfolgen an wahrlich unzugänglichen Orten, ja, selbst aus der Hochsicherheitszone des Agentenzentrums verschwinden Dinge. Und keine Spuren auf den Überwachungskameras. Nur kleine, weiße Karten an den Tatorten könnten eine erste Spur sein. Eine Spur, der Ruby nicht widerstehen kann. Schneller, als ihr lieb ist, befindet sie sich über den Dächern Twinfords und schwebt in Lebensgefahr. Wird sie sich aus der Misere befreien können, oder war es diesmal doch zu viel des Wagemuts?

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Kämpfte Ruby im letzten Band mit der Angst des Versagens, begegnet uns hier eine junge Protagonistin, die diese Angst überwunden hat. Allerdings nicht zum Besseren. Vielmehr ist es nun eine Art euphorische Selbstüberschätzung, die sie immer wieder in große Gefahr bringt, ohne dass sie das selbst bemerkt. Ruby ist wahrlich in einer Selbstfindungsphase gefangen, und muss  nun die bittere Pille schlucken, nicht mehr im Außendienst zugelassen zu sein. Zu leichtsinnig setzt sie ihr Leben, und das der Kollegen, aufs Spiel und fühlt sich nahezu unbesiegbar.

Das Grundproblem wird dabei schon sehr treffend am Beginn des Buches zitiert:

„Furchtlosigkeit wird oft als entscheidende Voraussetzung für Freiheit betrachtet. Aber hat Furcht nicht ihre Daseinsberechtigung? Ist dieses seit Urzeiten in uns angelegte Gefühl nicht dazu da, uns im Falle einer Gefahr zu warnen, damit wir lieber einen sichereren Weg einschlagen? Die Frage sollte besser lauten: Ist Furchtlosigkeit immer eine positive Charaktereigenschaft? Warum fürchten wir uns vor der Furcht? 
~Dr. Josephine Honeybone~
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Ein schwieriges Unterfangen, bei solch einem spannenden Fall, der sich hinter den Kulissen in der Pagoda anbahnt. Ruby kann ihre Nase da natürlich nicht aus den Ermittlungen heraushalten und ermittelt aktiv im Hintergrund – ohne Rücksicht auf Verluste. Im Hintergrund steht jedoch immer Hitch, ihr treuer Partner, der ein Auge auf sie haben soll. Doch auch er kann den Wagemut unserer quirligen Ruby nicht gutheißen. Aber anbinden kann man sie ja leider nicht. Dabei hat sie jedoch keinesfalls vom bekannten Ruby-Charme verloren. Noch immer ist sie vorlaut, trägt coole T-Shirts mit verrückten Sprüchen und kaut leidenschaftlich gern Kaugummi und hat ihre treuen Freunde – allen voran Clancy – an ihrer Seite. Und ganz ehrlich… ohne Rubys einzigartige Codeknackerfähigkeiten sähe Spektrum doch ganz schön alt aus, ganz gleich, ob im Innen- oder Außendienst.

Wie gewohnt präsentiert Lauren Child eine wundervoll spannende Geschichte rund um Ruby, die nun neben der Probleme in der Agentur auch noch mit eigenen Problemen ganz schön bepackt ist. Ja, erwachsen werden ist nicht immer leicht! Das muss sie am eigenen Körper spüren, und sich nun erstmal etwas neu orientieren. Überraschende Wendungen und spannende Fügungen halten den Leser in gewohnter Ruby-Manier bis zum Ende fest im Bann der Geschichte. Man rätselt mit, fiebert mit und fühlt mit Ruby bis zuletzt. Und auch die eigenen detektivischen Fähigkeiten bleiben nicht auf der Strecke. Ein wahrer Genuss für junge Rätselfreunde, und ich sehne schon jetzt den nächsten Teil herbei! Für alle jungen Spürnasen ist das Buch eine wundervolle Idee für den Nikolausstiefel oder unterm Tannenbaum. 100% Empfehlung meinerseits!

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Lauren Child
Ruby Redfort – Dunkler als die Nacht
Roman
Aus dem Englischen von Anne Braun

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Manche Bücher klingen vom kurzen Klappentext her schon so spannend und brandaktuell, dass man sie einfach haben muss. Ursula Poznanski ist mir bisher als Autorin leider noch nicht unter die Augen gekommen, aber seit Layers bin ich der Autorin sehr verbunden. Denn: „Layers“ konnte mich mehr als begeistern und überzeugen.

Zugleich gelesen und gehört habe ich dieses Werk und mich Seite für Seite, Schicht für Schicht tiefer in das Geschehen gewoben. Und ganz tief drinnen bin ich Dorian begegnet. Er ist 17 Jahre alt, obdachlos – nicht weil er keine Perspektive hatte, sondern weil er aus dem heimatlichen Patriarchat geflohen ist. Ein Leben auf der Straße ist allemal besser als das zu Hause. Täglich sucht er aufs Neue nach Essen und einem trockenen Schlafplatz, täglich stellt er sich erneut der Härte der Straße. Denn auch dort herrschen Regeln.

Keine Zukunft und keine direkte Perspektive bleiben dem Jungen, wenn er jenseits des Vaters auf der Straße bleibt. Bis zu jenem schicksalhaften Morgen an dem er neben der Leiche eines anderen obdachlosen Jungen erwacht – mit seinem Messer in der Blutlache des Toten. Hat er wirklich jemanden umgebracht ohne es zu bemerken? Was soll er tun? Just in diesem Moment tritt ein unbekannter junger Mann in sein Leben und reicht ihm die Hand zu einem unerwarteten Neubeginn.

In der Villa eines reichen Mannes, der sich den Straßenkindern sehr verbunden fühlt und diese unterstützt, findet sich Dorian wieder – zunächst sehr misstrauisch. Wieso sollte gerade ihm, der doch scheinbar ein Mörder ist, geholfen werden? Schnell verliert er jedoch sein Misstrauen und beginnt sich in Raoul Bornheims Villa heimisch zu fühlen. Er besucht den Unterricht und lernt dabei auch Stella kennen, die sofort zu seinem persönlichen Lichtblick wird.

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Natürlich ist im Leben nichts umsonst und die Kinder werden losgeschickt, um Aufträge zu erfüllen. Keine schweren Dinge: Sie müssen an zentralen Plätzen Flyer verteilen und sich an bestimmte Regeln halten: Immer am gleichen Ort bleiben, nicht weggehen, sich anstarren lassen von Passanten, die irgendwann auch beginnen, ihm merkwürdige Dinge zu sagen, die sie gar nicht wissen können und dürfen. Eine Tatsache, die Dorian mehr und mehr verstört, ihn aber nicht von seiner Pflicht abbringt.

So dauert es nicht lange bis er aufsteigt und wichtigere Aufgaben übernehmen darf. Ganz langsam, Schicht um Schicht, dringt Dorian nun in die Welt der Geheimnisse um Bornheim ein. Geschenke muss er nun überbringen, nach besonders strengen Regeln an ausgewählte Personen. Geschenke, die auf den zweiten Blick nicht so harmlos sind, wie sie scheinen und bei den Beschenkten verschiedenste Gefühle hervorrufen. Eines Tages gerät Dorian so in eine absolut missliche Lage: Er packt eins der Geschenke aus und findet darin eine Datenbrille.

Eine Datenbrille, die mehr zeigt als die Realität. Sie legt eine weitere Schicht über die Wirklichkeit, die den Träger mit einer Vielzahl von Informationen über Menschen und das Umfeld füttern. Das ist jedoch nicht alles… auch ein Countdown läuft unablässig weiter. Unterdessen ist Dorians Tat natürlich aufgefallen und unser junger Freund wurde zum Gejagten. Stets auf der Flucht, muss er versuchen, den Jägern immer einen Schritt voraus zu sein. Die Brille ist dabei ein zwingendes Hilfsmittel, auch wenn sie ihn beim Tragen für den Feind sichtbar macht. Kann Dorian die Flucht gelingen oder wird er doch zum Opfer werden? Lasst euch überraschen und vergesst nie: Die Wahrheit ist vielschichtig!

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Ursula Poznanski ist mit „Layers“ ein wahnsinnig dichter und spannender Jugendthriller gelungen, der mich nicht nur einmal auf die falsche Fährte lockte. Schicht um Schicht grub ich mich immer tiefer in diese Geschichte, die mich selbst nach dem Lesen noch immer nicht loszulassen vermag. Manipulatives Handeln wird aufgezeigt und oftmals kann man kaum zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden. Wem kann man trauen und wem nicht?

Genau wie Dorian hetzt man auf der Flucht durch die Handlung, die von der engmaschigen Struktur lebt. Eine Stadt als Handlungsort, wenige Protagonisten, einige wenige aber dafür umso wichtigere Grundgedanken – all das zusammen kennzeichnet das Buch und zeigt, dass man nicht immer pompöse Ausstattung braucht, um große Kunst zu schaffen.

Die Protagonisten sind dabei sehr lebendig gezeichnet und es ist eine Freude, ihre Entwicklung zu verfolgen. Insbesondere Dorian ist eine Zentralfigur, die man sehr gern begleitet. Man schaut ihm direkt über die Schulter, leidet mit ihm, fiebert mit und versucht, den Geschehnissen auf die Spur zukommen. Geschehnisse, die zwei Fragen aufwerfen: die nach der Moral und in diesem Zusammenhang auch die nach dem technischen Fortschritt.

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Möglichkeiten und Missbrauch werden dem Leser vor die Augen geführt. Was passiert, wenn ausgewählte Menschen mehr wissen dürfen als andere? Ein Projekt, das im besten Wissen und Gewissen im Dienste des Guten benutzt wird, kann doch eben so schnell dem Missbrauch zum Opfer fallen. Wie schon Lagercrantz sich in „Verschwörung“ mit derartigen Themen auf einer anderen Ebene beschäftigte, wird auch hier das Thema technischer Fortschritt auf eine neue Eben gehoben. Darf man Technik nutzen, um über andere Menschen zu richten, bzw. um Wissen über sie anzuhäufen? Wo finden sich moralische Grenzen? Wie lang wird es dauern, bis derartige Entwicklungen real werden oder schlummern sie gar schon in irgendwelchen Laboren?

Fragen über Fragen, die den Leser zum Nachdenken anregen und atemlos aus diesem Buch auftauchen lassen. Ein absolutes Must-Read für mich aus dem Genre Jugendbuch, dass ich jedem jungen Leser ans Herz legen möchte. Die FAZ hat schon recht, wenn sie schreibt:

So spannend wie abgründig, so aktuell in seinem Thema wie zeitlos in den zugrundeliegenden Konflikten.

Und da ich es auch gehört habe, sei euch auch diese Variante mit der wundervoll vielseitigen und angenehmen Stimme von Jens Wawrczeck, der der Story und vor allem den Charakteren auf eine einzigartige und wundervolle Art und Weise Leben einhaucht.

Ein herzlicher Dank an dieser Stelle gebührt Arndt Stroscher von Astrolibrium, der mich mit einem Unikat von Autogramm der lieben Ursula live von der Buchmesse überrascht hat. Was er da erlebt hat und wie tief er in die Schichten von „Layers“ eintauchen durfte, könnt ihr HIER lesen und hören!