Tag-Archiv | Lebensgeschichte

Achtung, Buch: Himbeeren mit Sahne im Ritz von Zelda Fitzgerald

img_5651

Zelda Fitzgerald ist vor allem durch ihren Ehemann bekannt geworden. Sie war die Frau des großen Autors Scott F. Fitzgeralds. Kaum ein Autor prägte die Roaring Twenties mehr als er. Doch auch Zelda schrieb und veröffentlichte eigene Werke, wenn auch teilweise unter Scotts Namen.

Berühmt geworden als Muse und Frau an der Seite des großen Scott F. Fitzgerald, prägte Zelda schon bald ein eigener Schaffensdrang. Die beiden waren wohl das berühmteste Künstlerpaar ihrer Zeit. Stets umgeben von Glamour und Ruhm, füllten sie die Titelseiten der damaligen Presse – sowohl der Unterhaltungs- als auch der Literaturpresse. 1920 publizierte Scotty seinen ersten Roman, im selben Jahr, in dem er das eigensinnige Südstaaten-Flappermädchen Zelda heiratete. Sie entsprach genau dem Frauenbild, das er in seinen Romanen stets in den Fokus rückte. Doch Zelda war mehr als nur Muse und Flapper. Sie schrieb eigene Geschichten, die sie zunächst des Geldes wegen unter dem Namen ihres Mannes publizierte. Nun erschien vor Kurzem unter dem Tirel „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ eine Sammlung von elf Erzählungen aus der Feder der einzigartigen Künstlerin. Vor allem das weibliche Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger war es, das sie in den Fokus ihrer Erzählungen rückte.

Auch in „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ sind es solche modernen, extravaganten junge Frauen, deren Leben im Mittelpunkt steht. Wir begleiten elf junge Heldinnen, die große Träume haben, sich durchsetzen und hart um Erfolg und vor allem um die Liebe kämpfen müssen. Da scheint sich der Wunsch nach dem großen Ruhm zu erfüllen, ist kurz darauf aber nicht mehr von Belang, da das Mädchen das große Glück in einer bürgerlichen Liebe gefunden hat. Ein anderes Mädchen schnuppert Broadwayluft und kehrt dann doch zufrieden in die Kleinstadt zurück. Eine Dritte ruiniert fast ihren Ruf und macht später doch eine außergewöhnliche Karriere. Wir haben – so die Titel der Geschichten – „Mädchen mit Talent“, „Das Südstaatenmädchen“, „Das Mädchen, das dem Prinzen gefiel“ und „Die erste Revuetänzerin“.

img_5652

All diesen Mädchen schrieb Zelda mit leichter Hand, viel Charme und einer gewissen Portion Naivität und Melancholie eine Lebensgeschichte auf den Leib. Man taucht mitten hinein in die Welt der Goldenen Zwanziger, berauscht von Nachtclubs und Partys. Man begleitet die jungen Frauen auf ihrem Weg durch Paris, beobachtet sie bei den Versuchen der Selbstinszenierung, die unabdingbar zum Leben dieser Zeit gehört. Alles ist in Bewegung, unaufhörlich, jeder will sich vergnügen, jeder will Erfolg und Ruhm in einer schillernden Welt, die sich am Ende doch meist nur als schöner Schein entpuppt.

Kaum jemandem könnte es besser gelingen, diese Stimmungen zu Papier zu bringen, als einer Frau, die genau dies alles am eigenen Körper erfahren musste. Zwar nicht mit der gleichen, fast fühlbar schmerzhaften Tiefe, mit der ihr Mann Scott arbeitete, aber dennoch mit einer ergreifenden Melancholie, gelingt es Zelda, die Stimmung der Zeit einzufangen und dem Leser zu vermitteln. Als kluge Beobachterin und Kennerin ihrer Zeit, blickt sie hinter die Fassade und vermittelt tiefe Einblicke in die Gedanken- und Lebenswelt der jungen Frauen, die sie so stilvoll porträtiert. Hinreißend und sinnlich wird man durch eine Welt geführt, in der die hohe Kunst der Selbstinszenierung zum guten Ton gehört und bekommt dennoch auch vor Augen gehalten, welch hohen Preis man unter Umständen für ein Leben im Glanz zu zahlen hatte. Es ist ein harter Kampf, der jeden Tag und jede Nacht aufs Neue gekämpft werden muss. Und nicht nur an wenigen Stellen lassen sich Parallelen und autobiografische Züge zum Leben der Autorin finden. Man erfährt von der Kluft zwischen Arm und Reich, ebenso wie man mit der Nase auf die dunklen Seiten des Ruhms gestupst wird. Abtreibung und Selbstmord stand zu dieser Zeit oftmals hoch im Kurs – wurde aber meist überspielt. So verfährt Zelda auch in ihrem Buch, in dem diese Themen nur sachte am Rande aufgegriffen werden. Die Wirkung wird dadurch jedoch nur noch verstärkt, was besonders am Tod der jungen und aufstrebenden Revuetänzerin Grace deutlich wird. Eine Geschichte, die noch lange in mir nachhallen wird.

„Gin und Champagner“ sind das Zaubermittel, das dafür gesorgt hat, dass die Welt so lange geschafft hat, durchzuhalten. Gin und Champagner als Symbole für die Zeit der Goldenen Zwanziger, als Symbol für all die jungen Seelen, die in dieser Zeit lebten und versuchten, ihren Weg zu gehen und zur Zufriedenheit zu finden. Zelda Fitzgerald schrieb in ihren Erzählungen so leise, so melancholisch, so zart und dennoch so brutal, widersprüchlich und hinreißend, wie es die Zeit der Entstehung wiederspiegelte. Das Werk ist der Spiegel eines Talents, das sich viel zu oft hinter dem Namen des eigenen Mannes verstecken musste und viel mehr gewürdigt werden sollte. So gern würde ich noch ewig zwischen den Seiten verweilen, mit den jungen Mädchen und Männern durch die Nachtclubs flanieren und sie auf ihrem Lebensweg begleiten, doch irgendwann ist der letzte Tropfen Gin getrunken, das letzte Glas Champagner geleert und man muss zurückkehren in die Realität. Dies aber nicht, ohne Zelda einen besonderen Platz im Herzen eingeräumt zu haben.

Himbeeren mit Sahne im Ritz von Zelda Fitzgerald

Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz. Erzählungen
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eva Bonné
Manesse Verlag, Zürich 2016