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Achtung Buch: Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle von Timothée de Fombelle

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Nach langer Zeit hat es mich wieder einmal tief ins literarische Paris verschlagen. Und das auf eine ganz besondere Art und Weise: Timothée de Fombelle nahm mich mit auf eine Reise in die Lichterstadt, bei der die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen märchenhaftem Zauber und Grausamkeit und Kälte des Krieges verschwimmen.

Und über alldem schwebt sie, groß und allmächtig: die Liebe. Denn sie ist es, die schon seit Jahrhunderten – nein, Jahrtausenden – die größten Geschichten zu erzählen vermag. Kraftvoll, voller Tragik, romantisch, sanft und ergreifend. Melancholisch oder träumerisch, leidenschaftlich und mitreißend, verzehrend und schmerzhaft trifft sie mitten ins Herz. Ein Phänomen, das so oft unerklärlich ist und nicht von dieser Welt zu kommen scheint.

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Und genau da setzt Timothée de Fombelles Roman an: In einem der vielen unbekannten Feenreiche, in dem sich der junge Prinz Iliån und die Fee Oliå unsterblich ineinander verlieben. Es herrscht Krieg, an dessen Spitze der Bruder des Prinzen steht. Der Vater sitzt verwirrt und gebrochen nach dem Tod der Frau in seinem Sommerpalast und von Prinz Iliåns Existenz will niemand etwas wissen, machen sie ihn doch alle indirekt für den Tod der Mutter verantwortlich. Eine Liebe zwischen Prinz und Fee ist also nur das Sahnehäubchen auf der Krise und macht die beiden zu Gejagten. Mitten auf der Jagd passiert das Undenkbare: Der Prinz wird in unsere Welt verbannt, ohne die Möglichkeit wieder nach Hause und zu seiner Geliebten zu gelangen.

In der Menschenwelt gelangt er in die Wirren der Kriegszeit im Paris der 30er Jahre, erleidet Gefangenschaft, Krieg und Verfolgung, findet aber auch Freundschaft und Geborgenheit. Doch eins treibt ihn stets an: Die Suche nach der Geliebten und dem Weg zurück ins Feenreich. Er spürt sie, doch sie darf sich nicht zu erkennen geben, da sie sonst auf ewig getrennt wären. Also braucht er Beweise – eine Reise bis in die Gegenwart beginnt, die ihm, der inzwischen zu Joshua Perle wurde, sein wahres Leben zurückgeben soll. Doch kann die Zeit eines Menschenlebens ausreichen, um diese Aufgabe zu bewältigen?

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Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle erzählt die unglaubliche Liebesgeschichte eines ungleichen Paares in einem fernen Land, von einem jungen Mann, der nach Beweisen für das Unglaubliche sucht und somit seiner wahren Liebe und der Heimat wieder nahezukommen versucht. Von Kapitel zu Kapitel eröffnet sich dem Leser eine Welt, nein, es eröffnen sich zwei Welten, die zunächst scheinbar ohne Zusammenhang nebeneinander existieren. Doch genau so, wie die vielen Koffer und Schätze im weißen Seidenpapier nach und nach ihre Geheimnisse enthüllen, offenbaren sich auch zart und leise die Zusammenhänge zwischen dem Feenreich und dem chaotischen Paris der Kriegsjahre. Einem Paris, in dem an einem grauen Tag ein Junge vor der Maison Perle auftaucht und dort die Rolle des verstorbenen Sohn Joshuas annimmt, um in den Krieg zu ziehen. Verletzt streift später ein junge Mann durch einen Wald und wird vom geheimnisvollen Monsieur Perle aufgelesen und gepflegt. Wer ist dieser  Mann? Was verbirgt er in seinen Koffern? Eine Schatzsuche gefüllt mit Emotionen, Geheimnissen und Liebe beginnt, die nach und nach die tragische Liebes- und Lebensgeschichte des Joshua Iliån Perle offenbart .

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Wundervoll poetisch und voller Gefühl erzählt de Fombelle seine Geschichte, die viel mehr ein Märchen ist. Er versteht es, den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann zu ziehen und zu verzaubern. Man beginnt selbst nach den Spuren der Feen zu suchen, nach dem Weg in die andere Welt, da man Perle sein Glück zurückgeben möchte. Bezaubernd melancholisch taucht die Feenwelt vor dem inneren Auge des Lesers auf. Man leidet bis zuletzt, hofft auf den Ausweg, auf das Happy End, das immer weiter in die Ferne zu rücken scheint. Doch noch existiert er, der schwache Hoffnungsschimmer im Herzen Perles und auch des Lesers…

Wieder einmal beweist die französische Literatur, dass sie etwas Besonderes ist, ganz anders, leise im Klang und doch so stark im Gefühl! Ein Buch für diejenigen, die gern die Grenzen zwischen Realität und Märchen verschwimmen lassen, die das Besondere suchen und einfach genießen, mitfiebern und vor allem tief fühlen wollen.

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Le phénomène continue: Das Bildnis aus meinem Traum von Antoine Laurain

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Während ich gerade in London auf Klassenfahrt war, erreichte mich ein wundervolles Päckchen meines Lieblingsautors und des Atlantik-Verlags. Ich hatte die Nase gerade aus der Rhapsodie Française genommen als nun auf einmal das Bild aus meinem Traum druckfrisch mit einem wundervollen persönlich gewidmeten Bild, und vielen liebevoll ausgewählten Accessoires vor mir lag. Schon in diesem Moment huschte mir ein Lächeln über die Lippen – ist es doch genau diese Detailverliebtheit, die Antoine Laurain ausmacht.

Doch worum geht es nun in seinem neuen Meisterwerk? Allem voran um eine große und zentrale Frage:

Wie viel sind wir bereit aufzugeben, um die große Liebe zu gewinnen?

Eine Frage, die sich sicher jeder von uns schon einmal gestellt hat. Eine Frage, die den Protagonisten Pierre-François Chaumont eiskalt erwischt. François ist Anwalt, verheiratet mit Charlotte, wohnhaft in Paris, wenn man es einmal knapp und nüchtern zusammenfasst. Denn: Nüchtern gestaltet sich ihr Zusammenleben. Arbeit, Routine und vor allem kein gegenseitiges Verständnis dominieren sein Leben. Kein Verständnis? Ihr habt richtig gelesen, denn François hat ein Hobby: Er sammelt Antiquitäten. Eine Leidenschaft, die schon in frühester Kindheit mit einer Sammlung von Radiergummis begann:

„Eine Sammlung beginnt mit zweien, wenn man auf der Suche nach dem dritten ist.“
(S.22)

Dass er damit jedoch noch nicht die hohe Kunst des Sammelns erreicht hatte, wurde ihm spätestens dann klar, als er sich mit seinem Onkel Edgar – ach, ich hätte ihn so gern kennengelernt – einem Paradiesvogel mit besonderen Eigenarten, über sein Hobby unterhielt. Denn Edgar war es, der ihm den wahren Sinn des Sammelns erklärte. Nicht irgendwelche Antiquitäten oder schöne Dinge solle man sammeln, sondern diese, die eine Geschichte erzählen und die Seele ihrer Vorbesitzer wahren konnten.

„“Wenn du ein echter Sammler werden willst, musst du eines verstehen: Die Dinge, die echten Dinge“, hatte er mit gehobenen Zeigefinger betont, „bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.““
(S. 27)

Von diesem Moment an änderte sich das Leben François‘ komplett. Er sammelte gezielter und entwickelte einen besonderen Sinn für das Geschäft. Auktionen wurden seine zweite Heimat, sehr zum Leidwesen seiner Frau, die ihn mehr und mehr ins Abseits drängte, sodass sein Hobby bald komplett in sein Arbeitszimmer ausgelagert wurde. Man stelle sich das einmal vor: Regale, Schränke, Ablagen zum Bersten gefüllt mit kleinen und größeren Schätzen, die den vorgegebenen Rahmen zu sprengen drohen! Nach und nach erobert er sich mehr Platz in der Wohnung zurück – sehr zum Missfallen von Charlotte.

Zur Eskalation kommt es jedoch erst, als François bei einer Auktion auf ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, das niemanden geringeren zeigt als ihn selbst. Zu Hause verhöhnt und von den Freunden milde belächelt, macht er sich auf, um die Geschichte des Bildes zu erforschen. Ein Weg, der ihn zu einem Weingut im Burgund und einer jungen Gräfin führt, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Mit großer Freude wird er dort empfangen, schließlich ist es doch er: Aimé-Charles de Rivaille, der Graf von Mandragore… oder etwa nicht?

***

Im Januar habe ich euch ja die ersten beiden auf Deutsch beim Atlantik Verlag erschienenen Bücher von Antoine Laurain vorgestellt. Damals unter dem Titel „Vom Suchen, Finden und Gefunden werden“. Ein Thema, an das ich beim Bild aus meinem Traum nahtlos anknüpfen kann. Denn auch François war verloren, auf der Suche nach dem Glück und der Liebe. Der Job war für ihn keine Erfüllung, genauso wie seine Ehe mit Charlotte. Und wieder einmal war es das Schicksal, das ihm zugute kam: Ein Bild tauchte in einer Auktion auf, nicht irgendein Bild, sondern DAS Bild. Ein Gemälde, das ihn selbst zeigt. Spätestens seit Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray sollte sich der Leser ja der Gefahr bewusst sein, die von einem spontan auftauchenden Bildnis seiner selbst ausgehen könnte, aber wie es so oft der Fall ist, überwog auch hier die Neugier. François musste das Bild haben, um jeden Preis. Und er ging als Sieger aus der Auktion hervor.

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Ehekrach, Spott und mildes Kopfschütteln waren die Reaktionen auf sein Bild und die Ähnlichkeit, die keiner außer ihm zu erkennen vermochte. Doch ihm öffnete all dies die Augen: neue Perspektiven, eine neue Zukunft. Er stürzte sich in die Recherchen und die Mühen sollten belohnt werden. Der Weg führe ihn ins Burgunder Land auf ein Weingut der Gräfin von Mandragore. Dort angekommen schien die Zeit stillzustehen. Fast schon magisch und ein wenig märchenhaft mutet die Geschichte von diesem Moment der Ankunft an. Ein Dorf, das sonst von allen Landkarten gestrichen zu sein scheint und eine traurige Vergangenheit hegt. Ist der Graf doch vor einigen Jahren spurlos verschwunden und die Gräfin einsam und in Trauer. Und nun ist er wieder da. François…. nein, Aimé, oder doch François?

Die Ankunft im Dorf bestimmt eine wichtige Wende im Leben des Anwalts, eine Entscheidung, die nur schwarz oder weiß zulässt. Eine endgültige Entscheidung ohne Weg zurück, egal welche Richtung er einschlagen würde.

„Pierre-François Chaumont, bist du da? Ein Schlag ja, zwei Schläge, nein.“
(S.189)

Auch in diesem Buch von Antoine Laurain dient die Geschichte zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen. Man muss manchmal aus bekanntem Terrain ausbrechen und den Mut haben, Neues zu wagen. Dann wird man auch irgendwann seinen Platz und seine Bestimmung finden.

Paris als Schauplatz rückt dieses Mal etwas in den Hintergrund, aber gerade der Sprung von der Stadt als Ort des unglücklichen Lebens des Anwalts bis hin zum märchenhaften, fast ein wenig wie in Pastell gezeichneten Weingut zeigt gleichzeitig den Weg heraus aus dem trüben Grau zum erfüllten Bunt der Zukunft. Untermalt wird dies von einer Fülle an Details, die lebendiger und liebevoller nicht sein könnten. Jeder Laurain ist davon geprägt, genau wie von einem einzigartigen Charme, der jede Seite zu einem besonderen Genuss macht. Greift zu und erlebt auch mit diesem Buch einen ganz besonderen Genuss, der den Leser mit viel Wärme und einem Glücksgefühl im Inneren zurücklässt

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189 Seiten Leseglück liegen hinter mir, 189 Seiten, die ich mit einem Lächeln im Gesicht beende, in der Gewissheit auf nachfolgende Geschichten und in der Erinnerung an einen Tag im April am Louvre im strahlenden Sonnenschein. An den Tag, an dem ich mit Antoine Laurain genau dort saß und über seine Bücher, Projekte und Gott und die Welt geredet habe. Jede Seite seiner Bücher ist Antoine Laurain, jedes Wort und jeder Satz. Ich bin sehr dankbar, diesem wundervollen Menschen begegnen zu dürfen und freue mich schon auf ein Wiedersehen in Paris. Und bis dahin bleiben ja noch einige wunderbare Geschichte.

Merci, Antoine! Merci pour le bonheur que tu apportes dans ma vie!#

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Achtung Buch: Sommernachtstraum von Tanya Lieske

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Shakespeares ›Sommernachtstraum‹ als Schultheaterprojekt! Voller Vorfreude stürzen sich Ben und seine Schüler in die Proben. Hermia liebt Lysander, Helena will Demetrius, Oberon straft Titania, und die Feenkönigin liebt plötzlich einen Esel: willkommen in Shakespeares Sommernachtstraum! Während die Theatertruppe versucht, der verschlungenen Verwechslungskomödie um verwirrte Liebespaare Herr zu werden, geraten die Liebesgeschicke aller Beteiligten ziemlich durcheinander: Struppi liebt Mireille, Mary Jane will Ben und Bens Freundin trifft sich heimlich mit Mireilles Vater. Bald weiß niemand mehr, wer eigentlich gerade in wen verliebt ist …

»Verliebte und Verrückte
Sind beide von so brausendem Gehirn, 
So bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt, 
Was nie die kühlere Vernunft begreift!«

Soweit beschreibt der Klappentext das Buch, das ich von dem Moment an, als ich diesen las, unbedingt haben wollte. Shakespeares „Sommernachtstraum“ im Hinterkopf, perfekt für den Sommerabend an dem man die Elfen erahnen kann, während draußen die Grillen zirpen. Oberon und Titania, dazwischen den kecken Puck, der seinen Schabernack treibt, um die Liebenden zu necken, bis am Ende jeder den richtigen Partner gefunden hat. Diese Geschichte adaptiert als Theaterstück einer 9. Klasse – das kann sehr unterhaltsam sein, dachte ich, und nahm mir das Buch letzte Woche an einem richtig schönen Sonnentag mit in den Garten. Doch schon bald zeichnete sich ab, dass dieses Buch viel mehr ist, als nur eine Adaption des beliebten Klassikers.

Wieso? Ganz einfach: Die Autorin holt das Stück ins Hier und Jetzt, lässt es eine Schulklasse aufführen, die gerade mitten in der Pubertät steckt und der all die Irrungen und Wirrungen, die Shakespeare schon vor über 400 Jahren aufschrieb, mehr als bekannt ist – auch wenn die Kids den Klassiker sicher noch nicht in den Händen hatten – wenn doch, dann aber sicher nur widerwillig als Pflichtlektüre. Und da stecken wir auch schon mitten im Geschehen. Während die Kinder für das Stück proben, läuft das normale Leben weiter. Doch was ist schon normal? Mobbing, Schikane, Probleme zuhause, schwache Elternhäuser, Karriere, wenig Zeit für die Kinder, Gruppenzwang – das sind Stichworte, die heute leider an vielen Stellen schon zum Alltag gehören und aus diesem nur schwer wegzudenken sind. Natürlich sind das oftmals Einzelfälle, aber wenn man diese summiert, kommt man teilweise auf erschreckende Bilanzen. Ich arbeite ja seit März als Lehrerin an einer Oberschule und bin mit all diesen Themen schon in Berührung gekommen, manchmal fassungslos, dass es das wirklich in diesem Maße gibt, berührt und immer bemüht, den Kids zu helfen. Genau wie Ben – der junge Englischlehrer. Auch er versucht, mithilfe seiner Inszenierung des „Sommernachtstraums“ die Kids ein Stück weit aus der Realität zu entführen und sie ihren Alltag vergessen zu lassen.

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Doch das kann nicht gänzlich gelingen, da an vielen Stellen Realität und Klassiker verschmelzen – siehe Klappentext. Die Liebe geht die merkwürdigsten Wege und trifft dabei auf die Alltagsprobleme der Jugendlichen und auch auf die Erwachsenen, die oft ihr Päckchen zu tragen haben. Darüber erfahren wir durch die verschiedenen Erzählperspektiven, die uns die Protagonisten in all ihren Gefühlen – von Freude bis Trauer, von Euphorie bis Melancholie, von Liebe bis Schmerz – nahebringen. Man erfährt die Dinge, die zu Hause hinter den Kulissen passieren, man lernt sie im strahlenden Scheinwerferlicht kennen, sieht aber auch ihre Verzweiflung und Tränen, wenn der – metaphorisch betrachtete – Vorhang gefallen ist. Jeder spielt jeden Tag seine Rolle und ich war so oft sehr berührt, was auch durch den wundervoll sanften und einfühlsamen Erzählstil der Autorin verstärkt wurde, die sich sehr gut in die Seele eines 15jährigen Teenagers hineinversetzen kann.

Begleitet wird die Geschichte von keinem anderen als von Shakespeare persönlich, der an vielen Stellen mit Ironie und Witz, aber auch mit Tiefgründigkeit das Geschehen kommentiert. An seiner Seite agiert der Elfenkönig Oberon, der es nicht für nötig erachtet, im Hintergrund zu bleiben, sondern viel lieber direkt auf der Erde herumspaziert und so – verkleidet als Bettler – unbemerkt die Geschicke der Protagonisten in die richtige Richtung lenkt und deren Wege kreuzt. Eins wird beiden aber deutlich: Es gibt Probleme, die auch die Jahrhunderte nicht lösen können, vor allem in Bezug auf die Liebe und die dazugehörigen Probleme.

Die Geschichte fließt beim Lesen nur so dahin und war viel zu schnell vorbei. Man begleitet die Protagonisten mit all ihren Problemen wie der ersten Liebe, Mobbing, Magersucht, Verwahrlosung und erkennt so viele Bekannte darin wieder. Ein großer Teil Gesellschaftskritik, der in dieser Geschichte verarbeitet wird und mich sehr getroffen hat, sehe ich doch genau das fast täglich. Ein Jugendbuch ist hier entstanden, das einerseits amüsiert und andererseits tief berührt und aufrüttelt. Kein leichter Lesestoff! Wirklich nicht. Aufgrund der Fülle der angeschnittenen Themen, blieb manches Thema mehr an der Oberfläche und wird auch nicht zum Ende gebracht, was einerseits etwas schade ist, andererseits dem Buch aber keinen Abbruch tut, da es so dennoch wichtige Denkanstöße gibt, die jeder für sich selbst betrachten und benutzen kann.

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Insgesamt haben wir hier einen Jugendroman, der mich mehr als begeistern konnte. Ein Hauch von Mystik und Fantasie trifft auf Realität und eine berührend tragisch-komische Geschichte. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlasse ich diese Seiten, die mir direkt vor Augen geführt haben, wie das Leben als 15jährige(r) war, ist und immer wieder sein wird: Ein Chaos aus Gefühl, Liebe, Orientierungslosigkeit und dazu noch dem alltäglichen Wahnsinn des Lebens obendrauf. Und dennoch bleibt  auch da immer der Hauch des Fernstaubs, der das ganze überstrahlt! Eine klare Leseempfehlung meinerseits und wohl eins der besten und überraschendsten Bücher des Jahres!

 

Karin zu Gast bei den Zimtträumereien

Meine lieben Leser,

Gewinnspiele sind ja immer etwas Feines für denjenigen, dem die Glücksfee hold ist und natürlich auch für den, der es ausrichtet. Vor Kurzem habe ich ein Exemplar des tollen Buchs „Der Wahnsinn den man Liebe nennt“ verlost und die glückliche Gewinnerin war die liebe Karin. Als ich ihr das Buch zusendete, habe ich sie gebeten, mir doch kurz zu sagen, wie es ihr gefallen hat. Dass daraufhin eine ganze Rezension bei mir einflattert – damit habe ich wirklich nicht gerechnet, und die Karin gebeten, diese für euch veröffentlichen zu dürfen! Danke für deine Worte, Karin und nun Vorhang auf für dich 🙂

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Zum Inhalt: 

Heldin der Geschichte ist Susa Bergmann. Sie ist Inhaberin des „Papermoon“, einem Geschäft für Papierwaren aller Art und ihr Mann Wolf, mit dem sie seit 10 Jahre glücklich verheiratet ist, unterhält ein Immobiliengeschäft. Beide sind erfolgreich bei ihrer Arbeit und auch der Umzug von der einfach Mietwohnung in Schwabing ging gut über die Bühne jetzt in die Maria-Theresia-Straße,  eine der besten Gegenden von München. Alles ist eingerichtet und fertig. Doch plötzlich erhält Susa den Anruf einer Spedition: Es soll noch ein Kühlschrank geliefert werden. Doch die Adresse stimmt leider nicht. Was tun? Ihr Mann Wolf, der Auftraggeber, ist aber leider auf Geschäftsreise in Berlin und nicht erreichbar und so nimmt Susa sich der Sache an und kommt hinter eine schreckliche Wahrheit.

Meine Meinung:

Wie das Leben manchmal so spielt. Ja, Kommissar Zufall bringt in dem scheinbar glücklichen und geordneten Leben von Susa Bergmann einiges durcheinander.  Wobei ich jetzt nicht nur ihre Ehe mit Wolf,  sondern auch ihr ganzes Umfeld, Familie und Freunde meine. Hey, irgendwie lässt dieser Vorname Wolf auf keine guten Eigenschaften bei einem Mann hoffen, oder? War zumindest mein erster Gedanke., was sich dann letztendlich auch für meinen Geschmack bewahrheitet hat.

Irgendwie ist es ein Dominoeffekt: Ein Stein fällt und plötzlich kommt eins zum anderen. Schön wie die Autorin Clara Römer quasi die Ehe, Familie und den Freundeskreis auseinander nimmt, um dann am Ende zu schauen, was noch passen könnte.

Dabei macht sie weder vor ihren weiblichen noch vor männlichen Protagonisten halt. Jeder bekommt sein Fett weg und muss sich selber fragen, kann es das wirklich sein. Einzige Ausnahme sind Wolf und Susa Vater – beides für sich gesehen und in ihrer Veranlagung eigentlich menschlich gesehen Schweine/Wölfe, was ihr persönliche Verhalten angeht. Nur auf ihren Vorteil bedacht.

Trotzdem bekommen beide lange Zeit von Susa einen Heiligenschein verpasst und es fällt ihr nur sehr schwer, endlich den Egomann in den beiden Männern zu sehen. Schade das Susa da auch so hart mit ihrer Mutter ins Gericht geht. Denn ein Kind aus einem Seitensprung aufzunehmen, stelle ich mir extrem schwer vor und letztendlich ist die Mama immer nur das dritte Rad am Wagen in dieser Familie gewesen. Denn Susa ist immer schon ein Papa-Kind gewesen. Was irgendwie in ihrer Einschätzung der Lage der Dinge in ihrer Familie keine wirkliche Beachtung findet.

Eine interessante, schön erzählte Geschichte, die zeigt wie man plötzlich vor den Trümmern einer Beziehung stehen kann und wie blind die Liebe machen kann.

 

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Liebe Karin,

ich freue mich sehr, dass dir das Buch so gut gefallen hat und danke dir herzlich für deine ausführliche Meinung!

Achtung verrückt: Bad Hair Day, ein Geburtstag, verrückte Pfingsten und ein Buchgewinn für euch!

Was „Der Wahnsinn den man Liebe nennt“ mit einem wahren Bad Hair Day, spontanen Verrücktheiten und Murakami zu tun hat? Wie fast eine Freundschaft gekündigt wurde und ein spontaner Starbucks-Kaffee alles rettete und warum wir einfach nur Crazy Bitches sind und vor allem: wie ihr ganz schnell an ein absolut wundervolles Buch kommen könnt? Das will ich euch kurz erzählen. Normalerweise sind Kolumnen ja nicht so meins, aber manchmal muss man über seinen Schatten springen, insbesondere wenn es sich um so viele Verrücktheiten handelt.

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Eigentlich wollte ich Pfingsten ja schlafen und relaxen, einfach ein paar spontan entspannte Tage erleben, nachdem der neue Job jeden Tag ein neues Abenteuer ist, das riesig Spaß macht, aber eben auch gut anstrengend ist. Ja eigentlich, wenn mich nicht vor einigen Wochen spontan ein lieber Kumpel zu einem crazy Trip nach Berlin überredet hätte. Los ging es also und wie es das Schicksal so wollte, wartete in Berlin die Überraschung eines Treffens mit der bezaubernden Lili auf mich – Herzensmenschalarm und Knuddeln ohne Ende! So muss das. Dazwischen volles Kulturprogramm mit einem Besuch im Dungeon und dem Highlight „Tanz der Vampire“ – leider nicht mit dem besten Cast, aber dennoch ein kompletter Genuss. Auf der Rückfahrt haben wir noch kurz die Kollegen beim Pfingstcamp besucht und schon war ein wundervoller Tag vorbei. Vorbei? Nee eigentlich nicht, denn ich habe die Rechnung ohne die liebe Bini von Literatwo gemacht.

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Denn: Freitagabend postete ich ein Bild aus Dresden und prompt kam die Frage, ob ich da bin. Jaaaaa, denn das ist mit mir immer so eine Sache gewesen. Da zwar ab und an, aber immer nur wie ein Kolobri am durchflattern, sodass wir uns ewig nicht gesehen haben. Dies hätte nun fast zu einer Kündigung der Freundschaft seitens Bini geführt.

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Das MUSSTE natürlich abgewendet werden und so war meine Frage –natürlich auf Englisch, denn wir schreiben nur auf Englisch – „Wie spontan bist du? 11.00 Uhr ein Kaffee beim liebsten Starbucks am Hauptbahnhof, bevor ich zurückfahre?“ Dank ihres Mannes, der des Englischen dann doch besser fähig ist, kam dieses Treffen dann auch glücklicherweise zustande und die Freundschaft konnte gerettet werden. Und es ist toll, wenn sich manche Dinge nie ändern: Wir waren laut, haben gelacht, 30 Minuten intensiven Austausch betrieben und dazu noch ein gemeinsames Buch gekauft. Innerhalb von nicht einmal drei Minuten stand fest, dass Murakami unser gemeinsamer Begleiter sein soll, der mitsamt passender Karte als Lesezeichen nun unseren Lesensweg bestimmen wird.

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Wann? Wir werden sehen. Wir setzen uns kein Limit, denn dafür toben wir viel zu viel bei anderen Dingen herum. Bei mir sind es vorrangig die schulischen Belange, die mich gefangen halten, Vorbereitungen, Nachbereitungen, zwischendurch die Seele auch einmal frei tanzen und durchatmen und entspannen. Durch diese ganzen kleinen und großen persönlichen Veränderungen ist das Lesen nun (leider) etwas nach hinten gerutscht, was manchmal schade ist, aber andererseits ist es auch toll in vollen Zügen das Hier und Jetzt zu erkunden, neue Bands kennenzulernen, verrückte Dinge mit seinen Schülern anzustellen und sich auch konzentriert dem Job zu widmen und seine Freunde nicht zu vernachlässigen. Ihr seht, volles Programm, aber ganz ohne Lesen geht es einfach nicht!

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Ja, und in diesem Zusammenhang muss auch der Bad Hair Day erwähnt werden, denn unser Treffen war so chaotisch-spontan, dass die Frisuren einfach auch auf der Strecke blieben und wir uns einfach nur kaputtgelacht haben. Bitch, please!! So und nun schauen wir mal, ob wir „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ nicht doch etwas mit Farbe füllen können – bei dem quirlig-bunten Geplapper ganz bestimmt! Seid gespannt!

Aber bis es soweit ist, haben wir einen weiteren besonderen Lesenswegbegleiter für euch ausgesucht, bzw. hat er uns gefunden. „Der Wahnsinn den man Liebe nennt“ heißt das tolle Buch aus der Feder der herzigen Clara Römer. Ein absolutes Must-Read, dessen Entstehung ich quasi ab dem ersten Wort mit verfolgen durfte.

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Und kurzentschlossen, weil heut Pfingsten ist und noch dazu der Geburtstag der lieben Bini – an dieser Stelle ein fettes HAPPY BIRTHDAY, HONEY! Lass dich feiern und hab den tollsten Tag der Welt – wollen wir euch je ein Exemplar schenken. Das einzige, was ihr dafür tun müsst, ist uns einen kurzen Kommentar hinterlassen, was für euch „Der Wahnsinn den man Liebe nennt“ ist. Zeit dafür ist bis morgen Abend, also bis zum 17.5. gegen 20.00 Uhr! Wir sind gespannt! Und jetzt: seid verrückt, spontan und habt einfach nur Spaß!

 

Achtung Buch: Der Wahnsinn den man Liebe nennt von Clara Römer

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Ihr Lieben, heute habe ich ein Buch für euch, das aus dem wahren Leben gegriffen sein könnte. „Der Wahnsinn den man Liebe nennt“, so heißt der neue Roman aus der Feder der bezaubernden Clara Römer aus München.

Ist Liebe nicht immer Wahnsinn? Manchmal schlägt sie ein wie ein Blitz, manchmal ist sie furchtbar anstrengend, manchmal erwischt sie einen ganz kalt aus der Hinterhand und lässt einen nicht mehr los und manchmal endet sie in einem furchtbaren Desaster. So auch im Leben der charmanten und absolut liebenswerten Susa Bergman, die eine kleine Papeterie besitzt und glücklich mit ihrem Mann Wolf verheiratet ist. So glaubt sie zumindest bis zu dem Tag, an dem fälschlicherweise ein Kühlschrank zu ihr geliefert wird, der für jemanden ganz anderen gedacht ist. Nachdem auch die Arbeitskollegen von Wolf Susa nur ausweichend auf ihre Fragen antworten, beschließt sie auf eigene Faust zu ermitteln, was gerade schief läuft.

Und schief läuft leider so einiges: Während Susa in ihrem Leben glücklich zu sein scheint, spielt sich hinter der Fassade Schlimmes ab. Denn der Kühlschrank wird zu Wolfs Affäre geliefert, mit der er schon seit Jahren eine Zweitbeziehung führt und mit der er sogar ein Kind gezeugt hat. Für Susa bricht eine Welt zusammen: Sie wollte immer ein Kind mit Wolf, ein glückliches Leben, und nun sah sie sich in einer Parallelwelt gefangen, in der eine andere Frau all das hat, was sie niemals haben wird – inklusive ihres Mannes…

Nachdem das wunderschöne Cover das Buch schon zu einem absoluten Must-Have macht, setzt die Geschichte dem Ganzen noch die Krone auf. Angesiedelt im schönen München (das auch sehr bildlich und detailliert beschrieben wird), begleiten wir Susa durch die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung. Eigentlich sind es ja anfangs mehr Tiefen, denn der Betrug durch den Mann und die Freunde setzt ihr verständlicherweise mehr als zu, aber ich muss sagen, dass ihr nichts besseres hätte passieren können. Denn Wolf ist von der ersten Seite an einfach nur die Personifizierung des Arschlochs im Kostüm eines schönen Mannes. Und glaubt mir, nicht an wenigen Stellen hätte ich ihn liebend gern ordentlich die Meinung gesagt, wenn er vor mir gestanden hätte. Dass es Susa dennoch schwerfällt ihn zu verlassen, ist dennoch verständlich, denn wenn man liebt, dann liebt man – und das ohne Rücksicht auf (eigene) Verluste.

Doch Susa geht ihren Weg weiter, lässt Wolf hinter sich. Und gerade diese Entwicklung ist es, die mich an den Roman gefesselt hat – so sehr, dass ich ihn kaum aus den Händen legen konnte und wollte, und ihn so schon innerhalb von zwei Abenden ausgelesen hatte. Susa ist eine Frau wie du und ich, absolut authentisch und ungekünstelt, genau wie ihr Leben, das die Autorin in einem fließenden und mitreißendem Stil schildert. Wohlgeführte Dialoge reichen bildhaften und detaillierten Beschreibungen die Hand und ergeben am Ende eine Szenerie, die in sich rund und ausgeglichen ist. Keine Ecken und Kanten, ein Buch zum Wohlfühlen und zum hineinlesen, trotz der ernsten Thematik. Denn auch diese ist sehr behutsam verpackt. Man kann das Buch also einerseits als niveauvolle Unterhaltungsliteratur betrachten, aber andererseits auch sehr tiefgründig lesen. Denn dass manche Trennung und vor allem mancher Betrug mit viel Schmutz und Bösartigkeit verbunden sein kann, muss man nicht extra erwähnen. Clara Römer nähert sich dieser Thematik auf eine sehr einfühlsame und sensible Weise, die das Buch auch nach dem Lesen noch im Herzen nachhallen lassen.

Dieser Aspekt wird von der Lebendigkeit der Charaktere noch unterstrichen. Allesamt sind sie wie aus dem Leben gegriffen. Geh auf die Straße und schau dich um: Im Nachbarhaus könnte Susa wohnen, um die Ecke könnte gehetzt Wolf kommen, der angeblich aus dem Büro kommt, in Wahrheit jedoch bei seiner kleinen Zweitfamilie war. Was weiß man schon, was sich hinter den verschlossenen Türen der Nachbarn abspielt.

Knapp 320 Seiten voller Gefühl, voller Schmerz, voller Liebe und Sehnsucht erwarten den Leser. 320 Seiten, die berühren, fesseln, nachdenklich machen, aber auch einfach nur schön sind. Begegnungen, die das Herz berühren, Momente der Wut – ein Potpourri der Gefühle, das ich jeder Leserin sehr ans Herz legen kann und möchte. Lernt Susa kennen und geht mit ihr einen schwierigen Weg – er lohnt sich! Für mich definitiv ein Herzensbuch aus mehreren Gründen und eine Top-Empfehlung für das Frühjahr 2016. Das perfekte Buch für die lauen Frühlingsabende.

Das Phänomen Antoine Laurain – vom Suchen, Finden und gefunden werden

Was geschieht, wenn du einem Autor über den Weg läufst, der dich sofort mit seinem Buch in den Bann zieht und verzaubert? Wenn man dieses Buch verschlingt und beseelt zurückbleibt und vergisst, es zu besprechen? Tragisch, denkt ihr? Vielleicht auch Glück, wenn man ein Jahr später das zweite Buch in den Händen hält. Und wenn man sie dann so nebeneinander legt und dabei so ein Bild entsteht…

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… kann das doch nur der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen mir und

Antoine Laurain werden.

Und es wurde nicht nur eine Freundschaft, sondern Liebe. Eine „Liebe mit zwei Unbekannten“ – Antoine und mir. Einem Autor und seiner Leserin, die auf Anhieb dieselbe Sicht auf Paris zu haben scheint, wie er. Kommt mit auf eine Reise durch die Werke von Antoine Laurain und trefft direkt auf eine große Portion

„Liebe mit zwei Unbekannten“

2015 bei Atlantik erschienen, verzaubert es auf Anhieb die Herzen der Leser. Stellt euch vor, vor euch geht eine attraktive Frau die Straße entlang, trägt stolz ihre wundervolle lila Handtasche, die ihr ganzes Leben beinhaltet. Ja, ich weiß, jede Frau denkt, dass ihre Handtasche ihr Leben ist – und in den meisten Fällen ist das ja auch so – so wie bei eben dieser jungen Frau: Laure Valadier. Plötzlich wird sie zum Opfer eines Raubüberfalls. Ein Mann entreißt ihr die Tasche, Laure stürzt und findet sich nach einer unfreiwilligen Nacht im Hotel bewusstlos im Koma wieder.

Unterdessen begibt sich der Buchhändler Laurent auf den Weg zur Arbeit und findet Laures Tasche. Einem inneren Impuls heraus folgend, nimmt er sie mit und durchsucht sie nach Hinweisen auf die Besitzerin. Besonders ein rotes Notizbuch mit Listen fällt ihm ins Auge:

Ich mag es, um die Zeit, wenn alle Leute den Strand verlassen, am Meer spazieren zu gehen.
Ich mag den Namen des Cocktails Americano, aber ein Mojito schmeckt mir besser.
Ich mag den Geruch von Minze und Basilikum.
Ich mag es, im Zug zu schlafen.
Ich mag Landschaftsbilder ohne Menschen…

Derlei Listen finden sich noch viele im Notizbuch, sowie der Zettel einer Reinigungsfirma. Das einzige, was Laurent über die Unbekannte weiß? Nein, ein Buch, von Modiano persönlich signiert, verrät ihm zumindest den Vornamen: Laure. Von diesem Moment an ist Laurent davon besessen, Laure zu finden und bekommt dabei Hilfe von verschiedenster Stelle. Bleibt eine große Frage: Werden sie auch einander finden? Oder wird Laurent das geheimnisvolle Wesen in Laures Leben bleiben, das in dieses hineinplatzte und genauso schnell und leise wieder daraus verschwand?

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Wird es eine große Liebe geben oder wird es eine diese speziellen Begegnungen sein, die Laurain so treffend beschreibt:

„Man ist an etwas Wichtigem vorbeigegangen. An einer Liebe, einem Beruf, einem Umzug in eine andere Stadt, ein anderes Land. An einem anderen leben. Man ist daran vorbeigegangen, aber doch so nah, dass man manchmal, in melancholischen, fast hypnotischen Momenten, trotzdem Teile dieses Möglichen erfassen kann. Etwa wie eine Radiofrequenz, auf der von sehr weither gesendet wird. Der Empfang ist gestört, aber wenn man genau hinhört, kann man Fetzen der Tonspur dieses nicht stattgefundenen Lebens aufschnappen. […]. Aus irgendeinem unbekannten Grund haben wir dem köstlichen Schwindel der paar Zentimeter, die zu überbrücken sind, wenn man sich zum ersten Kuss einem anderen Gesicht zuneigt, nicht nachgegeben. Wir sind daran vorbeigegangen, so nah, dass etwas bleibt.
(S. 186f)

Ja, auch von diesem Buch ist sehr viel geblieben, nachdem ich es geschlossen habe. Aber zunächst noch kurz zum neuen Meisterwerk Laurains, bevor ich mich genauer mit den Besonderheiten der Bücher beschäftige.

„Der Hut des Präsidenten“

Lasst euch eine ganz besondere Geschichte erzählen: Die Geschichte eines edlen schwarzen Filzhutes, der keinem Geringeren gehörte, als Francois Mitterand persönlich. Das Staatsoberhaupt war mit Freunden zum Essen in einem Restaurant, in dem sich zur selben Zeit am Nachbartisch der unscheinbare Buchhalter Daniel aufhält. Der Staatspräsident vergisst den Hut, und eine besondere Reise beginnt.

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Eine Reise des Hutes von Kopf zu Kopf. Zunächst begleitet er Daniel Mercier, den Buchhalter, der diesen möglichst unauffällig an sich nimmt und das Restaurant verlässt. Von da an ändert sich alles im Leben des jungen Mannes. Wurde er sonst immer gedrückt und klein gemacht, schien er von nun an über sich hinauszuwachsen und alle anderen zu beeindrucken.  Auf dem Zenit dieser Erfahrungen passiert das Schreckliche: Daniel vergisst den Hut im Zug…

Doch dieser denkt gar nicht daran, allein zu bleiben und sucht sich die junge Fanny Marquant als neue Trägerin. Wohl behütet macht sich diese dann daran, ihrem ewigen Geliebten ein schlechtes Gewissen für all die leeren Versprechungen der letzten Jahre zu machen. Und so ein fescher Herrenhut tut das auf ganz besondere Weise. Auch Fannys Leben wird nicht mehr so sein, wie es war.

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Veränderungen stehen im Mittelpunkt, Veränderungen, die ausgelöst werden durch die Kopfbedeckung des französischen Staatsoberhauptes. So kommen weiterhin sowohl Pierre Aslan, ein berühmter Parfumeur, der seine Fähigkeiten schon lang verloren zu haben scheint, als auch der noble Bernard Lavallière in den Genuss der besonderen Fähigkeiten des Hutes, der sie zu Höherem aufleben lässt.

Ewig könnte es so weitergehen, potenzielle Anwärter für den Hut gäbe es sicher mehr als genug. Doch irgendwann muss gut sein, und so führt Antoine Laurain alle Fäden mit einem mehr als geschickten und unerwarteten Schachzug zusammen, der zugleich überrascht und zum Schmunzeln bringt!

Chapeau, Monsier Laurain!!

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Doch was ist es nun, das das Phänomen Laurain ausmacht? Es ist das Gesamtkunstwerk der beiden Bücher. Beginnt man beim Stil, bekommt man zwei Geschichten, die nur von einem Vollblutfranzosen geschrieben worden sein können. Aus jedem Satz, jedem Wort, jeder kleinen Geschichte sprühen der französische Charme sowie das Savoir Vivre der Charaktere wie ein Feuerwerk. Man bekommt das Bild einer Stadt Paris vermittelt, das passt, wie die Faust aufs Auge: großes Gefühl, Charme, das nötige Augenzwinkern und die Lebenslust der Menschen. In Paris ist nichts unmöglich. Man sucht nach dem Glück und findet die große Liebe.

Wo wir direkt beim Kernpunkt beider Romane sind: Suchen und Finden und dem gefunden werden. Sowohl in „Liebe mit zwei Unbekannten“ als auch im „Hut des Präsidenten“ stehen verlorenen Gegenstände im Zentrum, die die Handlung überhaupt zum Laufen bringen. Bei Erstem ist es die gestohlene Handtasche Laures und bei Zweitem der vergessene Hut des Präsidenten. Bleiben wir zunächst bei Laure: Ihre Handtasche geht verloren und eine romantisches Such- und Findspiel beginnt, bei dem man bis fast zuletzt nicht sicher sein kann, wie es endet. Werden sie sich finden? Können beide über ihren Schatten springen und den entscheidenden Schritt in die richtige Richtung machen, oder war alles nur ein kleines Abenteuer?

Suchen und Finden – auch ein großes Leitthema im „Hut des Präsidenten“. Der Hut sucht sich seinen Besitzer auf Zeit und hilft diesem, zu sich selbst zu finden. Hat man im Leben nicht oft Idole oder Vorbilder, Glücksbringer und kleine Dinge, die einem im rechten Moment die Kraft geben, Dinge bewusst oder unbewusst zu verändern? So ein Gegenstand ist dieser Hut. Er verleiht seinen Trägern unbewusst nahezu magische Fähigkeiten und lässt diese über sich hinauswachsen, bzw. lenkt deren Leben in die richtige Richtung. Wäre es nicht schön, so einen Hut in mancher Situation auch zu besitzen?

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All diese Prozesse des Suchens und Findens führen bei Laurain aber immer zu einem Ergebnis: Zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen.

Neben diesem zentralen Thema lässt sich auch feststellen, dass den Autor aktuelle sowie politische und zeitgenössische Geschehnisse sehr beschäftigen, wie beispielsweise die, welche die Buchbranche beeinflussen. So zollt er dem französischen Nobelpreisträger Patrick Modiano Tribut, indem er ihn zu einer Kernfigur seines Romans macht. Auch die „Probleme“ des Buchmarktes kommen vielfältig zur Sprache.Er  beschäftigt sich dabei mit der großen Frage, ob eReader eines Tages das Buch ablösen werden:

„Das Gerät erlaubte es, eine ganze Bibliothek herunterzuladen und sie in der Tasche mit sich herumzutragen. Würde das Papierbuch diesem technischen Wunder standhalten? Trotz der guten Umsätze des Cahier Rouge“ kamen Laurent bisweilen Zweifel.“
(S. 74)

Auch im „Hut des Präsidenten“ findet man eine Vielzahl von Anspielungen auf das Leben in Frankreich, darin speziell dem Frankreich der 80er Jahre. So zeigt er besonders im Kapitel über Bernard Lavallière die politischen Geschehnisse und die Spaltung der Geister auf. Eine Spaltung, die Frankreich schon im 17. Jahrhundert auch in Kultur und Literatur in der sogenannten Querelle des Anciens et des Modernes (Streit der Alten und der Neuen) finden konnte.  Dort zeigte es die geistesgeschichtliche Debatte um die Frage, inwiefern die Antike noch als Vorbild für die zeitgenössische Literatur und Kunst sein könne. Und genau dies zeigt sich im genannten Kapitel auf einer anderen Ebene. Lavallière ändert mit dem Hut seine politischen Ansichten, wird im Denken fortschrittlich, kauft Bilder, die unter seinen Bekannten, die konservativ anmuten und am Alten festhalten, als verpönt gelten und macht seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Ein Mann der Moderne, der den Konservativen gerade ins Gesicht lacht. All dies zeigt er unter dem Deckmantel der beginnenden und fortschreitenden Amtszeit von Mitterand, der zu dieser Zeit der Präsident Frankreichs war und die sozialistische Partei nach vorn brachte.

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Ganz besonders sind auch die Charaktere, die Laurain dem Leser präsentiert. Durch und durch Vollblutfranzosen mit ihrem Stil, ihrem Chi, ihren Extravaganzen, aber auch mit ihrer Melancholie und ihren Sehnsüchten. Jeder Charakter ist für sich ein kleines Kunstwerk. In „Liebe mit zwei Unbekannten“ sind es natürlich Laure und Laurent, die man kennenlernt und denen man bis zur letzten Seite folgen möchte. Doch auch Laurents Tochter Chloé und sein Freund, der sich seine Damen aus dem Internet sucht und diese Kategorisiert sowie der große Modiano, sind einzigartige Wegbegleiter, die im Gedächtnis bleiben.

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Viel mehr Menschen trifft man im „Hut des Präsidenten“, und jeden einzelnen schließt man tief in sein Herz. Da haben wir Mitterand persönlich, die lebenslustige und unglücklich verliebte Fanny, den erfolglosen Parfumeur und so viele mehr. Sie werden nicht nur erwähnt, sie leben in der Geschichte und die Geschichte lebt von ihnen. Mit zarten Pinselstrichen erweckt Laurain sie zum Leben und man genießt jeden einzelnen Moment mit ihnen. Man riecht die Essenzen aus der Duftorgel, man leidet mit Fanny, man bestaunt die so andersartigen Kunstwerke und man wünscht sich, mit Mitterand am Tisch zu sitzen.

Laurain sind zwei Meisterwerke gelungen, die für mich etwas ganz besonderes ergeben: Er hat ein Porträt der Stadt Paris geschaffen, dass mir meine Herzensstadt genauso authentisch zeigt, wie sie ist: als Lichterstadt, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem nichts unmöglich ist, als Ort der Selbstverwirklichung, der Träume und Ziele. Und diese Stadt hat er in zwei wundervolle herzerwärmende Geschichten verpackt, die mehr als das sind: Sie sind voller Tiefe und lassen den Leser lange sinnieren und nachdenken und einfach träumen. Was wäre, wenn meine Handtasche gestohlen würde, oder ich auf einer Parkbank einen schwarzen Filzhut finden würde? Das weiß nur Paris allein…

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Danke für diese zwei wundervollen Bücher, die definitiv zu Lebenswegbegleitern geworden sind. Danke für mein Paris, für unseres, lieber Antoine!

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Wer nicht genug von tollen Besprechungen zu diesem kleinen Schatz bekommen kann, sollte unbedingt bei Arndt von AstroLibrium, mit dem ich gemeinsam durch Paris reiste, vorbeischauen. KLICK