Tag-Archiv | Paris

Achtung Buch: Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle von Timothée de Fombelle

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Nach langer Zeit hat es mich wieder einmal tief ins literarische Paris verschlagen. Und das auf eine ganz besondere Art und Weise: Timothée de Fombelle nahm mich mit auf eine Reise in die Lichterstadt, bei der die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit, zwischen märchenhaftem Zauber und Grausamkeit und Kälte des Krieges verschwimmen.

Und über alldem schwebt sie, groß und allmächtig: die Liebe. Denn sie ist es, die schon seit Jahrhunderten – nein, Jahrtausenden – die größten Geschichten zu erzählen vermag. Kraftvoll, voller Tragik, romantisch, sanft und ergreifend. Melancholisch oder träumerisch, leidenschaftlich und mitreißend, verzehrend und schmerzhaft trifft sie mitten ins Herz. Ein Phänomen, das so oft unerklärlich ist und nicht von dieser Welt zu kommen scheint.

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Und genau da setzt Timothée de Fombelles Roman an: In einem der vielen unbekannten Feenreiche, in dem sich der junge Prinz Iliån und die Fee Oliå unsterblich ineinander verlieben. Es herrscht Krieg, an dessen Spitze der Bruder des Prinzen steht. Der Vater sitzt verwirrt und gebrochen nach dem Tod der Frau in seinem Sommerpalast und von Prinz Iliåns Existenz will niemand etwas wissen, machen sie ihn doch alle indirekt für den Tod der Mutter verantwortlich. Eine Liebe zwischen Prinz und Fee ist also nur das Sahnehäubchen auf der Krise und macht die beiden zu Gejagten. Mitten auf der Jagd passiert das Undenkbare: Der Prinz wird in unsere Welt verbannt, ohne die Möglichkeit wieder nach Hause und zu seiner Geliebten zu gelangen.

In der Menschenwelt gelangt er in die Wirren der Kriegszeit im Paris der 30er Jahre, erleidet Gefangenschaft, Krieg und Verfolgung, findet aber auch Freundschaft und Geborgenheit. Doch eins treibt ihn stets an: Die Suche nach der Geliebten und dem Weg zurück ins Feenreich. Er spürt sie, doch sie darf sich nicht zu erkennen geben, da sie sonst auf ewig getrennt wären. Also braucht er Beweise – eine Reise bis in die Gegenwart beginnt, die ihm, der inzwischen zu Joshua Perle wurde, sein wahres Leben zurückgeben soll. Doch kann die Zeit eines Menschenlebens ausreichen, um diese Aufgabe zu bewältigen?

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Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle erzählt die unglaubliche Liebesgeschichte eines ungleichen Paares in einem fernen Land, von einem jungen Mann, der nach Beweisen für das Unglaubliche sucht und somit seiner wahren Liebe und der Heimat wieder nahezukommen versucht. Von Kapitel zu Kapitel eröffnet sich dem Leser eine Welt, nein, es eröffnen sich zwei Welten, die zunächst scheinbar ohne Zusammenhang nebeneinander existieren. Doch genau so, wie die vielen Koffer und Schätze im weißen Seidenpapier nach und nach ihre Geheimnisse enthüllen, offenbaren sich auch zart und leise die Zusammenhänge zwischen dem Feenreich und dem chaotischen Paris der Kriegsjahre. Einem Paris, in dem an einem grauen Tag ein Junge vor der Maison Perle auftaucht und dort die Rolle des verstorbenen Sohn Joshuas annimmt, um in den Krieg zu ziehen. Verletzt streift später ein junge Mann durch einen Wald und wird vom geheimnisvollen Monsieur Perle aufgelesen und gepflegt. Wer ist dieser  Mann? Was verbirgt er in seinen Koffern? Eine Schatzsuche gefüllt mit Emotionen, Geheimnissen und Liebe beginnt, die nach und nach die tragische Liebes- und Lebensgeschichte des Joshua Iliån Perle offenbart .

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Wundervoll poetisch und voller Gefühl erzählt de Fombelle seine Geschichte, die viel mehr ein Märchen ist. Er versteht es, den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann zu ziehen und zu verzaubern. Man beginnt selbst nach den Spuren der Feen zu suchen, nach dem Weg in die andere Welt, da man Perle sein Glück zurückgeben möchte. Bezaubernd melancholisch taucht die Feenwelt vor dem inneren Auge des Lesers auf. Man leidet bis zuletzt, hofft auf den Ausweg, auf das Happy End, das immer weiter in die Ferne zu rücken scheint. Doch noch existiert er, der schwache Hoffnungsschimmer im Herzen Perles und auch des Lesers…

Wieder einmal beweist die französische Literatur, dass sie etwas Besonderes ist, ganz anders, leise im Klang und doch so stark im Gefühl! Ein Buch für diejenigen, die gern die Grenzen zwischen Realität und Märchen verschwimmen lassen, die das Besondere suchen und einfach genießen, mitfiebern und vor allem tief fühlen wollen.

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Le phénomène continue: Das Bildnis aus meinem Traum von Antoine Laurain

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Während ich gerade in London auf Klassenfahrt war, erreichte mich ein wundervolles Päckchen meines Lieblingsautors und des Atlantik-Verlags. Ich hatte die Nase gerade aus der Rhapsodie Française genommen als nun auf einmal das Bild aus meinem Traum druckfrisch mit einem wundervollen persönlich gewidmeten Bild, und vielen liebevoll ausgewählten Accessoires vor mir lag. Schon in diesem Moment huschte mir ein Lächeln über die Lippen – ist es doch genau diese Detailverliebtheit, die Antoine Laurain ausmacht.

Doch worum geht es nun in seinem neuen Meisterwerk? Allem voran um eine große und zentrale Frage:

Wie viel sind wir bereit aufzugeben, um die große Liebe zu gewinnen?

Eine Frage, die sich sicher jeder von uns schon einmal gestellt hat. Eine Frage, die den Protagonisten Pierre-François Chaumont eiskalt erwischt. François ist Anwalt, verheiratet mit Charlotte, wohnhaft in Paris, wenn man es einmal knapp und nüchtern zusammenfasst. Denn: Nüchtern gestaltet sich ihr Zusammenleben. Arbeit, Routine und vor allem kein gegenseitiges Verständnis dominieren sein Leben. Kein Verständnis? Ihr habt richtig gelesen, denn François hat ein Hobby: Er sammelt Antiquitäten. Eine Leidenschaft, die schon in frühester Kindheit mit einer Sammlung von Radiergummis begann:

„Eine Sammlung beginnt mit zweien, wenn man auf der Suche nach dem dritten ist.“
(S.22)

Dass er damit jedoch noch nicht die hohe Kunst des Sammelns erreicht hatte, wurde ihm spätestens dann klar, als er sich mit seinem Onkel Edgar – ach, ich hätte ihn so gern kennengelernt – einem Paradiesvogel mit besonderen Eigenarten, über sein Hobby unterhielt. Denn Edgar war es, der ihm den wahren Sinn des Sammelns erklärte. Nicht irgendwelche Antiquitäten oder schöne Dinge solle man sammeln, sondern diese, die eine Geschichte erzählen und die Seele ihrer Vorbesitzer wahren konnten.

„“Wenn du ein echter Sammler werden willst, musst du eines verstehen: Die Dinge, die echten Dinge“, hatte er mit gehobenen Zeigefinger betont, „bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.““
(S. 27)

Von diesem Moment an änderte sich das Leben François‘ komplett. Er sammelte gezielter und entwickelte einen besonderen Sinn für das Geschäft. Auktionen wurden seine zweite Heimat, sehr zum Leidwesen seiner Frau, die ihn mehr und mehr ins Abseits drängte, sodass sein Hobby bald komplett in sein Arbeitszimmer ausgelagert wurde. Man stelle sich das einmal vor: Regale, Schränke, Ablagen zum Bersten gefüllt mit kleinen und größeren Schätzen, die den vorgegebenen Rahmen zu sprengen drohen! Nach und nach erobert er sich mehr Platz in der Wohnung zurück – sehr zum Missfallen von Charlotte.

Zur Eskalation kommt es jedoch erst, als François bei einer Auktion auf ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, das niemanden geringeren zeigt als ihn selbst. Zu Hause verhöhnt und von den Freunden milde belächelt, macht er sich auf, um die Geschichte des Bildes zu erforschen. Ein Weg, der ihn zu einem Weingut im Burgund und einer jungen Gräfin führt, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Mit großer Freude wird er dort empfangen, schließlich ist es doch er: Aimé-Charles de Rivaille, der Graf von Mandragore… oder etwa nicht?

***

Im Januar habe ich euch ja die ersten beiden auf Deutsch beim Atlantik Verlag erschienenen Bücher von Antoine Laurain vorgestellt. Damals unter dem Titel „Vom Suchen, Finden und Gefunden werden“. Ein Thema, an das ich beim Bild aus meinem Traum nahtlos anknüpfen kann. Denn auch François war verloren, auf der Suche nach dem Glück und der Liebe. Der Job war für ihn keine Erfüllung, genauso wie seine Ehe mit Charlotte. Und wieder einmal war es das Schicksal, das ihm zugute kam: Ein Bild tauchte in einer Auktion auf, nicht irgendein Bild, sondern DAS Bild. Ein Gemälde, das ihn selbst zeigt. Spätestens seit Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray sollte sich der Leser ja der Gefahr bewusst sein, die von einem spontan auftauchenden Bildnis seiner selbst ausgehen könnte, aber wie es so oft der Fall ist, überwog auch hier die Neugier. François musste das Bild haben, um jeden Preis. Und er ging als Sieger aus der Auktion hervor.

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Ehekrach, Spott und mildes Kopfschütteln waren die Reaktionen auf sein Bild und die Ähnlichkeit, die keiner außer ihm zu erkennen vermochte. Doch ihm öffnete all dies die Augen: neue Perspektiven, eine neue Zukunft. Er stürzte sich in die Recherchen und die Mühen sollten belohnt werden. Der Weg führe ihn ins Burgunder Land auf ein Weingut der Gräfin von Mandragore. Dort angekommen schien die Zeit stillzustehen. Fast schon magisch und ein wenig märchenhaft mutet die Geschichte von diesem Moment der Ankunft an. Ein Dorf, das sonst von allen Landkarten gestrichen zu sein scheint und eine traurige Vergangenheit hegt. Ist der Graf doch vor einigen Jahren spurlos verschwunden und die Gräfin einsam und in Trauer. Und nun ist er wieder da. François…. nein, Aimé, oder doch François?

Die Ankunft im Dorf bestimmt eine wichtige Wende im Leben des Anwalts, eine Entscheidung, die nur schwarz oder weiß zulässt. Eine endgültige Entscheidung ohne Weg zurück, egal welche Richtung er einschlagen würde.

„Pierre-François Chaumont, bist du da? Ein Schlag ja, zwei Schläge, nein.“
(S.189)

Auch in diesem Buch von Antoine Laurain dient die Geschichte zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen. Man muss manchmal aus bekanntem Terrain ausbrechen und den Mut haben, Neues zu wagen. Dann wird man auch irgendwann seinen Platz und seine Bestimmung finden.

Paris als Schauplatz rückt dieses Mal etwas in den Hintergrund, aber gerade der Sprung von der Stadt als Ort des unglücklichen Lebens des Anwalts bis hin zum märchenhaften, fast ein wenig wie in Pastell gezeichneten Weingut zeigt gleichzeitig den Weg heraus aus dem trüben Grau zum erfüllten Bunt der Zukunft. Untermalt wird dies von einer Fülle an Details, die lebendiger und liebevoller nicht sein könnten. Jeder Laurain ist davon geprägt, genau wie von einem einzigartigen Charme, der jede Seite zu einem besonderen Genuss macht. Greift zu und erlebt auch mit diesem Buch einen ganz besonderen Genuss, der den Leser mit viel Wärme und einem Glücksgefühl im Inneren zurücklässt

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189 Seiten Leseglück liegen hinter mir, 189 Seiten, die ich mit einem Lächeln im Gesicht beende, in der Gewissheit auf nachfolgende Geschichten und in der Erinnerung an einen Tag im April am Louvre im strahlenden Sonnenschein. An den Tag, an dem ich mit Antoine Laurain genau dort saß und über seine Bücher, Projekte und Gott und die Welt geredet habe. Jede Seite seiner Bücher ist Antoine Laurain, jedes Wort und jeder Satz. Ich bin sehr dankbar, diesem wundervollen Menschen begegnen zu dürfen und freue mich schon auf ein Wiedersehen in Paris. Und bis dahin bleiben ja noch einige wunderbare Geschichte.

Merci, Antoine! Merci pour le bonheur que tu apportes dans ma vie!#

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Achtung Buch: Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

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Und weiterhin hält mich Paris in ihrem Bann! Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges springen wir heute zurück ins Jahr 1889, präzise zum Nachmittag des 29. Oktober, zweieinhalb Tage vor den Abschluss der Exposition Universelle, der Weltausstellung in Paris. Und welch prunkvolles Bild präsentiert sich uns: Einem Bienenstock gleich, summt es und brummt es an allen Ecken und Enden. Aufgeregt und fröhlich plaudernd bewegen sich die fein gekleideten Leute durch die Hallen und Ausstellungsbereiche aus aller Herren Länder. Begeisterung und Staunen ob des Unbekannten und mittendrin fröhlich tobende neugierige Kinder.

Paris – ein Fest für’s Leben! Wahrlich ein passender Spruch, den Hemingway einst prägte. Die Weltausstellung – ein Markenzeichen, das die Stadt Paris auszeichnet, und inmitten des ganzen Spektakels ragt er auf: Der Eiffelturm, Turm der Welt. Gehasst, verflucht und vergöttert zugleich. Ein Symbol der Macht, ein Sieg über die Elemente und ein Sieg der Wissenschaft, die so vieles zu erreichen vermochte und vermag. Mit respektvoller Neugier wird er bestaunt, bestiegen, angezweifelt und ist dennoch in aller Munde. Ein glanzvoller Mittelpunkt des bunten Treibens, das jedoch nicht ganz so makellos ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

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Ein Doppelmord hinter den Kulissen der Exposition. Zwei Polizisten aufgespießt auf den Zeigern der Berneau’schen Uhr, einem Meisterwerk der technischen Entwicklungen, die bisher so noch nie denkbar waren und die einen Höhepunkt der Ausstellung darstellen. Fünf vor zwölf – exakt fünf Minuten vor Mitternacht war die Uhr stehengeblieben. Eine Zufall oder doch eine böse Vorahnung auf die weiteren Geschehnisse? Es ist fünf vor zwölf in Paris – und nicht nur in Paris.

Denn: Die brisante internationale Lage scheint für den Augenblick in den Hintergrund zu rücken, aber nur an der Oberfläche. Im Untergrund brodelt es gewaltig, und jedem halbwegs intelligenten Menschen dürfte es klar sein, dass gerade in Paris, im internationalen und bunten Gewimmel der Nationen während der Ausstellung, ein Funke genügen würde, um die Situation zur Eskalation zu treiben. Wieso? Ganz einfach: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger der politisch und wirtschaftlich hochkarätigen Besucher der Ausstellung eng verknüpft. Da haben wir eine französische Aristokratin – Königin der Salons, die um ihr Familiengeheimnis bangt. Daneben ein deutscher Offizier mit einem großen persönlichen Anliegen, der zum Spielball der Mächte gemacht wird. Ein junger und talentierter Fotograf, der einen wahren Teufelspakt eingeht, um das Herz seiner großen Liebe zu erobern. Und eine stadtbekannte Kurtisane, deren Innerstes undurchdringlich tief ist. Letztendlich versammelt sich das gesamte Who is Who der Weltpolitik an der Spitze des Eiffelturms, um das fulminante Abschlussfeuerwerk zu bewundern. Ein perfekter Zeitpunkt für einen Anschlag, der die Welt in Chaos versinken lassen würde. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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In seinem historisch angelehnten Roman nimmt uns Benjamin Monferat mit auf eine Reise in eine der (meiner Meinung nach) schönsten und spannendsten Epochen der Pariser Geschichte. Das ausgehende 19. Jahrhundert sprühte nur so vor Innovation und Entwicklung und verlor dabei aber nie den traditionellen Charme, der die Stadt so einzigartig macht. Und genau diesen Charme fängt er brillant ein. Man flaniert durch die eindrucksvolle Ausstellung und spürt die Aufregung, Spannung und Neugier fast körperlich, während einem die Vielzahl fremder Düfte um die Nase zu wehen scheint.

Mit viel Authentizität verknüpft er dieses mit den Geschehnissen in der Politik und ganz Europa und gibt auch tiefe Einblick in die damalige Gesellschaft samt der eindrucksvollen Salonkultur. Diese in Kombination mit der Magie der Stadt und der Ausstellung wird abgerundet vom Interesse und der Faszination für die Technischen Innovationen des industriellen Zeitalters, das schon Ende des 19. Jahrhunderts seine Schatten voraus warf.

Zu einem solchen vielseitigen Bild einer Stadt gehören natürlich auch die Charaktere, die Monferat ebenso verschieden, vielseitig und bunt gestaltet. Anfangs von der Fülle der Personen nahezu erschlagen, machte es von Seite zu Seite mehr Freude, sich auf die Spuren der Vicomtesse Albertine de Rocquefort, des jungen Offiziers Friedrich-Wilhelm von Straten, Celeste Marêchal -der Chefin des Hôtel Vernet, Madeleine Royals und Lucien Dantez zu begeben. All diese Figuren erwecken in der Geschichte das Bild der gesamten Pariser Gesellschaft sowie der Internationalen High Society aus den Bereichen Politik und Wirtschaft, sodass man sich direkt von Beginn des Romans an in einer realen und lebendigen Welt wiederfindet.

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Abgerundet wird dies noch durch den zweiten Handlungsstrang, nämlich durch die Ermittlungen im Mordfall der zwei Polizisten. Niemand geringeres als die Polizeilegende Alain Marais wird mit Hilfe des jungen Agenten Pierre Trebut auf die Spuren des Attentäters angesetzt und erleben eine wahre Schnitzeljagd durch die Seine-Metropole. All dies unter dem Deckmantel der absoluten Geheimhaltung, was gar nicht so einfach ist, nachdem mehrere Menschen zu Tode kommen.

Sie merken, liebe Leser, jede Figur – ganz gleich ob Hauptfigur oder auf den ersten Blick unscheinbare Nebenfigur – durchläuft eine große Entwicklung und spielt ihre fest zugedachte Rolle im Räderwerk der vielschichtigen Handlung. Jeder hegt seine Geheimnisse, jeder hat etwas zu verbergen, hat eine Mission zu erfüllen, ist in zwielichtige Machenschaften verstrickt oder folgt eigenen Zielen. Eine Geschichte wie ein großes dreidimensionales Puzzle, das es mit viel Geschick zusammenzufügen gilt. Spannung pur und eins ist klar: Zum Lesen erfordert es einen wachen Geist!

Wie schon angedeutet ist die gesamte Handlung sehr lebendig und verstrickt. Viele Handlungsstränge verlaufen auf den ersten Blick unabhängig parallel voneinander, um irgendwann doch durch winzig kleine Verknüpfungen miteinander verbunden zu werden. Bevor dies jedoch klar wird, bleibt viel Zeit für eigene  Gedanken, Ideen und Interpretationen. Nach und nach lichtet sich das Feld, bis ganz zuletzt alle Fäden in einem besonders fulminanten Feuerwerk zusammenlaufen und sich alles spiegelklar präsentiert. Keine Frage bleibt ungeklärt, keine Verbindung ungelöst! Ein wahrlich literarisches Meisterwerk, das uns Benjamin Monferat da präsentiert.

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Man braucht Zeit für diesen Roman, Zeit, um ihm den Raum zu geben, den er benötigt. Zeit, um die Personen kennenzulernen. Zeit, um zu ermitteln, zu forschen und zu vermuten. Zeit, um das besondere Flair zu genießen, den Charme, der den Roman umgibt und einen wie in eine weiche Decke hüllt, aus der man nicht mehr heraus möchte. Man braucht Zeit, um sich mit Verlusten abzufinden; um sich zu verabschieden; um zu bangen und zu trauern.

Benjamin Monferat hat sich mit diesem Roman selbst übertroffen. Er schuf ein Meisterwerk, eine Hommage an eine Stadt, an das Savoir Vivre, an das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er schrieb einen Roman über einen Anschlag in einer Stadt, die in jüngster Vergangenheit so oft Opfer von Terror wurde und verpackte das so gekonnt in ein Puzzle aus Wahrheit, Geschichte und Fiktion, das man nicht anders kann, als gebannt von Seite zu Seite zu fliegen und dem Geschehen atemlos zu folgen. Benjamin Monferat, dir ist ein Meisterwerk gelungen, das ich sicher nicht das letzte Mal gelesen haben werde! Auch wenn mich der Verlust einer Person mehr als schmerzt… Aber Verluste gehören nun einmal zum Leben. genau wie die Liebe es tut…

 

Achtung Buch: Die Nachtigall von Kristin Hannah

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Und wieder verschlug mich meine Lesereise nach Paris. Diesmal in ein Paris, das in seinen schwersten Jahren steckte, nämlich mitten in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Noch immer zehrten die Menschen an den Verlusten, Ängsten und sonstigen schlimmen Folgen des Ersten Weltkrieges, als sich die neue Katastrophe unausweichlich anzubahnen begann.     Ein historischer Rahmen, des es wohl recherchiert zu füllen gilt – damit hat sich Hannah eine wahrlich schwierige Aufgabe gestellt. Denn: So aktiv wie sich die deutsche Seite von Beginn des Krieges an zeigte, so passiv verhielten sich die Franzosen. Kristin Hannah gelang es jedoch auf Anhieb, genau diese besondere Stimmung im Land einzufangen. Man erduldete die Übernahme, ohne sich ihr wirklich entgegenzusetzen. Seitens des Vichy-Regimes wurden die Menschen angehalten, sich ruhig zu verhalten und kaum jemand traute sich, dem Feind entgegenzutreten. „Drôle de Guerre“ lautet ein Stichwort – ein passives Verhalten an der Westfront seitens der Franzosen und der Briten. Keine wirkliche Kriegshandlung fand statt. Beruhigend für die Franzosen, die zwar über ein mehrere Millionen Mann starkes Heer verfügten, dieses aber nie auf einen wirklichen offensiven Krieg vorbereitet hatten. Außerdem stütze sich alle Aufmerksamkeit sowieso auf die Maginot-Linie, die es zu verteidigen galt.

Eine wahrlich komische Situation, die so jedoch nicht Bestand hatte. Im Laufe der folgenden Kriegsjahre schlug sich die Passivität im Land um: die Deutschen besetzten das Land mehr und mehr, die Maginot-Linie hatte nicht gehalten. Und auch die Franzosen begannen sich zu regen. Politische Aggression grids um sich und Begriffe wie Deportation, Judenverfolgung, Vertreibung der Bevölkerung, Repressalien und Flucht begannen den Alltag zu prägen. Das Vichy-Régime versagte und gestand sich dieses Versagen nicht ein. Und unter dieser Decke begann man einen Namen zu murmeln: de Gaulle. Ein Mann, den niemand kannte, der aber schon bald mit Begriffen wie Résistance – Widerstand in Verbindung gebracht werden sollte. Eine politische Kulisse, die Kristin Hannah perfekt umzusetzen versteht. Jede Seite des Buches atmet die Seele Frankreichs zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Und inmitten dieser Geschichte haben wir sie: Zwei Schwestern, die vieles gemeinsam haben und doch verschiedener nicht sein könnten: Vianne und Isabelle de Rossignol.

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Beide Frauen leben ihr Leben im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkrieges und müssen allein auf sich gestellt ihren eigenen Weg finden. Nach dem Tod der Mutter scheiterte der Vater an seiner neuen Rolle und die Mädchen schlugen sich mehr oder weniger allein durch – eine Tatsache, die durch das übersprühende Temperament Isabelles noch verschlimmert wurde. Vianne, die Ältere ist glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter. Ein Glück, für das sie wie eine Löwin kämpft. Im Vergleich dazu springt Isabelle zeitlos durch ihr Leben. Kaum zu bändigen ist sie und Regeln und Normen sind ihr fremd. Und genau diese verschiedenen Charakterzüge sind es, die die beiden Frauen an einen Scheitelpunkt bringen: Der Krieg ist da, aber wie geht man mit ihm um?

Viannes Mann Antoine wird einberufen und gerät ziemlich schnell in Kriegsgefangenschaft. Bald schon quartiert sich ein deutscher Offizier bei ihr ein und der Zwiespalt zwischen Abneigung und Kompromissbereitschaft bestimmt das Leben der jungen Frau und ihrer Tochter. Viel schlimmer trifft dies jedoch Isabelle, die sich genau damit nicht abfinden kann. Sie kann nicht still zusehen, wie die Deutschen ihr Land, ihr Leben und nun auch noch ihre Familie okkupieren. Ihre Gefühlsausbrüche schweben permanent wie ein Damoklesschwert über dem Leben der Familie, bis zu dem Tag, an dem sie beschließt, etwas  gegen den Krieg zu tun. Durch ihre Zähigkeit und ihren starken Willen findet sie ihren Platz und ihre Bestimmung in den Reihen der Résistance und ist bereit, selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen – koste es, was es wolle.

„In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.“

Zwei Schwestern, zwei Wege. Wege, die auf den ersten Blick nicht weiter auseinandergehen könnten und die nicht weiter zur Entfremdung führen könnten. Zwei komplexe Erzählebenen, die dem Leser eine breite Sicht auf das Geschehen in Frankreich sowie auf das Leben der Frauen, einmal im privaten und einmal im Widerstand, vermitteln. Eine Sichtweise, die sehr authentisch und klar ist. Vianne erlebt tagtäglich das Grauen der Besatzung mit dem steigenden Mangel der Versorgung bis hin zur harten Durchsetzung der antijüdischen Gesetze. Sie sieht Freunde abtransportiert werden, sie sieht Kinder sterben und erträgt dies. Noch. Im Gegensatz dazu stürzt sich Isabelle in ein wagemutiges Abenteuer: Ihr gelingt es unter dem Decknamen „Nachtigall“ abgeschossene alliierte Piloten über die Pyrenäen zu bringen und wird zu einem der meistgesuchten Feinde der Deutschen. Angst kennt sie dabei nicht. Noch nicht.

Und doch sind es genau diese verschiedenen Wege, die die Schwestern wieder vereinen sollen, ohne dass diese es zu Beginn merken. Beide stellen sie fest, dass der Krieg seine eigenen Regeln schreibt. Vianne, die immer voller Liebe war, muss lernen, dass eine Liebe nicht mehr geliebt werden darf. Isabelle hingegen erfährt die erste große Liebe, allerdings auch eine Liebe, die nicht geliebt werden darf. Doch zum ersten Mal kann sie nun verstehen, wie ihre Schwester bedingungslos alles erdulden kann, um ihre Familie zu schützen. Auch der Verlust des Vaters, von dem beide Schwestern nach dem Tod der Mutter nur Ablehnung erfuhren, prägt das Leben der Schwestern auf besondere Weise. Beide Schwestern beginnen zu kämpfen, jede auf ihre Art und Weise, aber beide – ohne dies zu wissen – für dasselbe Ziel. Und beide haben doch mehr von der anderen in sich, als sie es sich je eingestehen würden.

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Zwei Frauen vor einer einmalig realistisch erschaffenen Kulisse. Zwei Frauen, deren Schicksal mich nachhaltig so stark prägt, dass es nur schwer einzuordnen ist. Zwei Leben, die genau so hätten gelebt werden können. Keine Klischees, keine Übertreibung, sondern zwei präzise herausgearbeitete Charaktere, die für ein ganzes Land stehen. Ihre Entwicklungen und Denkprozesse, die einfach nur beeindruckend sind. Ein über sich selbst Hinauswachsen der ganz besonders großen sprachlichen und stilistischen Klasse wird präsentiert, das einen atemlos an der Seite beider Schwestern hält. Für Romantische Verklärung ist nicht viel Platz, aber dennoch wird jedes zarte Gefühl der Liebe und Zuneigung so klar beschrieben, dass es die Kälte des Krieges wie eine zarte Flamme zu durchdringen vermag.

Ein Roman, der so tief ist, so intensiv und so herzzerreißend, dass ich ihn nie wieder aus meinem Herzen vertreiben mag. Ein Roman, der mich so stark beeindruckt hat, wie es nur wenige Romane mit dieser Thematik zu tun vermögen. Zwei Schwestern, die mich seit der letzten Seite wie zwei Schatten begleiten, mit denen ich eine intensive Zeit verbrachte, mit denen ich lebte, litt und weinte und die mich mit ihrer Stärke zu prägen vermochten. Zwei Schwestern, die ihren Platz in meinem Herzen gefunden haben, die mich nicht nur einmal zum Weinen brachten und die mich festhielten und mir Wärme gaben, als mich die Kälte des Krieges gefangen hielt. Ein Buch für die langen Herbstabende, ein Buch zum sich darin verlieren. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Für mich nahezu unübertrefflich!

„Manche Geschichten haben kein glückliches Ende. Selbst wenn es um Liebe geht. Womöglich vor allem dann.“

 

Achtung Buch: Die Liebenden im Chamäleon-Club von Francine Prose

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Nachdem wir gemeinsam tief in die berührenden Kurzgeschichten der „Pariser Symphonie“ eingetaucht waren, dauert es nicht lange, bis der liebe Arndt von AstroLibrium mir Folgendes schrieb:

„Die Liebenden im Chamäleon-Club – Das MUSST du lesen Paris vor und während des Zweiten Weltkriegs aus einer ganz besonderen Perspektive – nein aus ganz besonderen Perspektiven!“

Okay, dachte ich, nachdem ich Arndt jetzt schon für meine Herzensstadt begeistern konnte, wollte und musste ich ihm bei diesem Tipp einfach vertrauen – lag er doch auch bei der „Pariser Symphonie“ mehr als richtig. Und ich sollte nicht enttäuscht werden. Anstatt eines Buches erwartete mich ein Potpourri aus sechs, ja ihr lest richtig, aus sechs Büchern, die im Werk von Francine Prost vereint sind und deren Fäden im legendären Chamäleon-Club zusammenlaufen. Diese Bücher sind:

„Der Teufel am Steuer – Das Leben der Lou Villars“ von Nathalie Dunois

„Erschaffen Sie sich neu“ – von Lionel Maine

„Paris im Rückspiegel“ – von Lionel Maine

„Die Memoiren der Suzanna Dubois Tsenyi“ von Suzanna Dubois Tsenyi

„Die Baronin bei Nacht“ von Lily de Rossignol

„Der Briefwechsel des Fotografen Gabor Tsenyi“ – Gabor – Tsenyi – Archiv

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Dazu sei eine Sache vorab anzumerken, bevor Sie, liebe Leser, sich auf die Suche nach diesen Büchern machen sollten. Sie werden sie – der größten Wahrscheinlichkeit nach nicht finden. Denn: Der Roman von Francine Prost basiert war auf einem Gerüst von realen Persönlichkeiten und Geschehnissen, konnte jedoch an vielen Stellen nicht ausreichend historisch gefestigt werden, sodass sich die Autorin die Freiheit herausnahm, ihm den Mantel der Fiktion überzustülpen. Dies tat der Qualität des Buches jedoch keinerlei Abbruch – so viele soll schon gesagt werden – sondern macht es zu einem Meisterwerk der „Historifiktion“.

Zwei Dinge stehen im unmittelbaren Zentrum des Romans: Lou Villard und der Chamäleon-Club. Wer aber ist Lou Villard? Eine junge Frau, die von Klein auf orientierungslos ist, burschikos, sportlich, mit einer Vorliebe für Jungenkleidung geboren, keine wahre Schönheit und ausgestattet mit der wahnwitzigen Idee, eins wie ihr großes Idol Jeanne d’Arc Großes für ihr geliebtes Heimatland zu vollbringen. Und Großes wird sie vollbringen – Schreckliches zwar, aber definitiv Großes.Bis dahin sollen jedoch einige Jahre ins Land gehen. Jahre, in denen Lou verzweifelt nach dem kranken Bruder sucht, der in irgendeine Anstalt eingewiesen worden sein soll. Jahre der Schmach und der Ausgrenzung, nirgends passt sie hin. Überall wird sie benutzt, ausgenutzt und geschunden, dabei sucht sie nur etwas Liebe und Glück. Doch jeder, bei dem sie dies zu finden glaubte, missbrauchte sie wieder nur für die eigenen Zwecke – bis sich Jahre später das Blatt wendet und aus dem Opfer ein Täter wird, der die Weltgeschichte verändern soll.

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Doch noch befinden wir uns im Paris der „Goldenen Zwanziger“ mit all seiner schillernden Freizügigkeit. Zoomen wir direkt ins Nachtleben – in den legendären Chamäleon-Club, dessen Besitzerin Yvonne gerade versonnen ihr Chamäleon streichelt, das – passend zu ihrem Kleid eine rote Farbe angenommen hat. Dort treffen wir auch auf Lou, entspannt in Männerkleidern, ihre Geliebte Arlette im Arm – eine Szene, die von dem jungen ungarischen Fotografen Gabor Tsenyi für die Ewigkeit auf Zelluloid gebannt wird und die später noch die wahre Macht und Gefahr des Bildes zeigen soll. Ein erster Schritt zur Unsterblichkeit Lous wurde mit diesem Bild gegangen und zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass aus dem Kunstwerk einst etwas Entartetes werden sollte. Gabor war dabei nur eine Person, die Lou im Club kennenlernen sollte und die ihr den Weg in die Zukunft ebnen würden.

Niemand geringeres als die Familie Rossignol persönlich nahmt Lou unter ihre Fittiche und machte sie zur ersten Rennfahrerin Frankreichs, und in ihrer Freizeit war es der Schriftsteller Lionel Maine, der ihr die schillernden Seiten der Stadt zeigt. Lou blühte merklich auf, kann zum ersten Mal sie selbst sein, ihren Traum leben, auf der Rennbahn ein kleines bisschen wie ihr Idol Jeanne d’Arc für Frankreich kämpfen – wenn auch nur hinter dem Steuer. Dafür verzichtete sie sogar auf den Rest Weiblichkeit und lässt sich beide Brüste transplantieren, um besser und sicherer hinter das Lenkrad zu passen. Der Sport und die Liebe zur Tänzerin Arlette lassen dies jedoch alles zu Nichtigkeiten werden.

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Ewig hätte es so weitergehen können. Das erste Mal, dass Lou glücklich war. Doch es sollte ihr nicht vergönnt sein. Mit der Machtergreifung der Nazis änderte sich alles, auch die Situation in Paris. Alles „untypische“ – so auch der Chamäleon-Club galt nun als entartet und gehört ausgemerzt: Allem voran natürlich auch Frauen, die in Männerkleidung auftraten und dazu noch Autorennen fuhren. Einst als Favorit für Olympia gehandelt, verlor Lou nun direkt ihre Lizenz und dazu noch die Geliebte, die sich lieber in die Arme des Polizeichefs begab, der Lou nicht sonderlich mochte, um es harmlos auszudrücken. Einmal mehr stand Lou am Abgrund ihres Lebens, verraten und enttäuscht. Das Land, für das sie alles gab, hat sie fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.

Der rettende Anker kommt diesmal von gänzlich unerwarteter Seite. Eine Einladung zu den Olympischen Spielen nach Berlin führt Lou direkt in die Arme Hitlers und Inge Walisers, der deutschen Ikone des Rennsports. Eine erneute Verblendung, von der Lou nichts ahnt. Bedingt durch den Hass auf die Heimat, von der sie sich verraten und ausgestoßen fühlt, begibt sie sich nur zu gern in die offenen Hände der Nazis, die ihr neue Möglichkeiten bieten und sie zu einer ihrer besten und gefährlichsten Waffen machen sollen. Wie ein Racheengel kehrt sie zurück nach Paris – in ein Paris, das nicht mehr ihre Stadt ist. Dennoch kreuzen ihre Wege immer wieder die der alten „Freunde“, ohne dass diese eine Ahnung von Lous neuer Funktion haben. Ich glaube, manchmal – zumindest zu Beginn – war sich Lou dieser selbst nicht ganz bewusst.

Lou Villars – eine tragische Figur, eine tragische Liebesgeschichte im Zentrum eines Romans, der von den Bekannten Lous erzählt wird. Verschiedene Perspektiven wechseln sich ab, Protagonisten aus den verschiedensten Schichten reichen sich die Hand, um dem Leser ein ganzheitliches Bild der Zeit zu vermitteln, was brillant gelingt. Man erlebt die Gründung der Résistance ebenso  wie die Passivität der Franzosen gegenüber den Deutschen zu Beginn des Krieges, man wird Augenzeuge der politischen Veränderungen, man atmet direkt die Luft dieser Zeit.

Keine Sichtweise kommt zu kurz und jede Persönlichkeit trägt zur Ganzheit der Geschichte bei. Dabei basiert diese fiktionale Erzählung durchaus auf wahren Begebenheiten und Persönlichkeiten. So begründet niemand anderes die Biografie Lou Villars als Violette Morris, was man nach schon kurzer Recherche belegen kann. Auch der Fotograf lässt Rückschlüsse auf den real existierenden Fotografen Brassaï zu. Eine grandiose Verschmelzung von Realität und Fiktion. Ganz großes literarisches Kino.Wer darüber mehr erfahren möchte, sei herzlich eingeladen, auch den Lebensweg Arndts zu diesem Buch zu folgen. HIER findet ihr seine berührende Besprechung!

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Und am Ende bleibt immer nur Lou. Lou Villars, die nichts hatte als einen Traum und ein Idol: Sie wollte als moderne Jeanne d’Arc für ihr Land da sein. Ein Traum, eine Sehnsucht und ihre Besonderheit, die sie letztendlich zu einer absonderlichen Person machten. Lou, die nach jedem Strohhalm griff, um einfach nur sie selbst und glücklich zu sein und am Ende schmerzlich erfahren musste, dass sie wieder und wieder ausgenutzt wurde. Tief berührt lässt mich dieses Buch zurück. Tief berührt und zerrissen über Lou und die Schuldfrage, die über allem schwebt. Die Schuld besteht, eindeutig. Lou folterte, quälte und verriet Menschen und ihr eigenes Land. Das ist unbestreitbar und auch unverzeihlich. Dennoch regt sich in mir ein „aber“. Kann man einen Hund, der das ganze Leben von Welpenbeinen an getreten und misshandelt wurde, verübeln wenn er beißt? Ein merkwürdiges Gleichnis, ich weiß. Aber je mehr ich mich in Lou hineindenke, ist es doch genau das, was passiert ist. Von Kindesbeinen an wurde sie schlecht behandelt, nicht für voll genommen, eingezwängt in Paradigmen, benutzt und missbraucht, um andere ans Ziel zu bringen. Hatte sie ihren Zweck erfüllt, wurde sie fallengelassen. Nichts von dem entschuldigt den Schmerz, den sie anderen angetan hat, aber tief im Inneren sehe ich noch immer das kleine Mädchen, das einfach nur sein wollte wie Jeanne d’Arc, ihre Liebe und ihren Bruder finden und im Rausch der Geschwindigkeit ihr Talent beweisen wollte. Das Mädchen, das so viele Enttäuschungen und so viel Schmerz erdulden musste, bis es innerlich schwarz vor Rache und Gram sein musste…

Ein literarisches Meisterwerk, das tief nachhallt und auch noch lange in mir klingen wird. Fragen, die mich beschäftigen. Fragen, auf die ich Antworten suche. Werde ich sie je finden? Ich weiß es nicht.

 

Achtung Buch: Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irene Nemirovsky

Pariser Symphonie von Irene Nemirovsky

Paris – du schönste Stadt der Welt. Du Stadt, die nie schweigt, die ihre Geschichte in jedem Stein gefangen hat. Du Stadt, in der jeder Ort eigene Geschichten zu erzählen hat. Man muss nur die Augen schließen und genau zuhören, dann hört man ihre Melodie: Die Schnelllebigkeit der Stadt in einem feurigen Allegro, abgelöst von einem langsamen Andante und Adagio, die einem durch die Sinne streifen, wenn man durch die ruhigen Seitenstraßen und Parks flaniert, die tanzartigen Scherzi der jungen Frauen, die im typischen Stil durch die Stadt zu schweben scheinen und schließlich ein fulminantes Allegro vivace, das in einem schallenden Crescendo mündet, bevor es im pianissimo verhallt und nun noch einen Hauch der Pariser Luft in der Nase zurücklässt. Eine wahre Symphonie, Symphonie einer Stadt – Pariser Symphonie!

Ein Buch, dessen Cover mich schon verzauberte und das durch einen wundervollen Zufall in meinen Besitz kam. Denn da mir der Messebesuch auch dieses Jahr leider verwehrt blieb, hatte der liebe Arndt von AstroLibrium mal wieder seine Augen und Ohren für mich offen gehalten, kennt er doch meinen Leseschwerpunkt Paris zu gut. Schon flatterte eine Leseprobe bei mir zu Hause ein und ich freute mich, als er mir sagte, dass er dieses Buch gern mit mir gemeinsam lesen möchte. Arndt und Paris? Ja, hat mich verwundert, aber auch sehr gefreut, denn das macht gemeinsames Lesen aus: sich von Lesebegleitern auf fremdes Terrain entführen zu lassen, neue Horizonte erkunden und sich darüber auszutauschen. Und ein reger Austausch wurde es.

Forrest Gump sagte einst: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt.“ Und genau dieser Spruch passt auf die „Pariser Symphonie“. 12 Kurzgeschichten vereint die Autorin in ihrem Buch. Kurzgeschichten. Keine abgeschlossene Geschichte. Ein Lesewagnis für Arndt, der eigentlich nie Kurzgeschichten liest und ein Abenteuer für mich, da ich sehr gespannt war, was sich hinter dem verträumt-malerischen Cover verbergen wird. Und es waren definitiv keine verträumt-romantischen Geschichten.

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Momentaufnahmen und Lebenszeugnisse waren es. Einzelschicksale, die den Leser episodenhaft in ihre Fänge zogen. Allesamt geprägt von einer immensen Sehnsucht, die auch den Leser von der ersten Seite an tief in ihren Bann zog und ihn in einer tiefen Melancholie zurück ließ. Sehnsucht nach dem Vergangenen, wie in der ersten Geschichte „Geister“, in der der frühere Wohnsitz der Mutter die Geister der Vergangenheit heraufzubeschwören scheint und dunkle Familiengeheimnisse zu enthüllen droht. Vergangenheiten, mit denen man nie richtig abschließen konnte, die sich tief ins Herz gebrannt haben und das jetzige Leben noch immer stark prägen.

Sehnsucht nach der Liebe findet man in verschiedenen tiefen Formen. Die Liebe des Soldaten zu seiner jungen Frau, die ihn bis zum Tode die nötige Kraft und Hoffnung gibt. Doch kann seine junge Frau diese Liebe so innig erwidern oder wird sie doch vom Leben eingeholt? Liebe, die vorbestimmt war und doch nie ihre Erfüllung fand. Liebe, die Schmerz mit sich brachte. Liebe, die abgelehnt wurde aus Angst vor dem Leid, das mit ihr einhergehen könnte.

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Les chances perdues – verlorene Chancen, amour et fortune – Liebe und Glück, la douleur – der Schmerz: Alles Worte, die ihre tiefe Bedeutung in Némirovskys Buch finden und dieses nachhaltig prägen. All dies vor der nur knapp umrissenen Kulisse des Paris der Vorkriegszeit, dessen drohenden Schrecken man teilweise schon unterschwellig brodeln spüren kann. Paris als Schauplatz, der nur eine sekundäre Rolle spielt und der dennoch in jeder Geschichte gegenwärtig ist. Ein Schauplatz für viele einzelne Schicksale deren Facetten die Autorin in einer wundervollen sprachlichen Vielfalt und mit stilistischem Zauber festzuhalten vermag. Auch wenn man die Geschichten gelesen hat, leben diese Charaktere im Leser weiter und man ertappt sich oft dabei, wie man sich darüber Gedanken macht, wie es ihnen ergangen wäre, wenn dies oder jenes anders gelaufen wäre…

Ein Buch, das nicht nur mit dem schönsten Cover punkten kann, sondern dass auch noch auf eine vielseitige Art und Weise mit seinem Inhalt überzeugen kann. Man findet keine Pariser Romantik, dafür aber eine Fülle von Nahaufnahmen, die einen wie Blätter im Wind umwirbeln, sich ins Herz einnisten und zum Nachdenken und Reflektieren einladen. Dies kombiniert mit dem tiefen Austausch mit Arndt machte das Lesen zu einem besonderen Erlebnis. Lesewelten und Interessengebiete trafen aufeinander und verliehen dem Lesen eine ganz neue Tiefe. Und ich kann jetzt schon versprechen, dass es weder das letzte Buch von Némirovsky gewesen ist, das wir gemeinsam gelesen haben, noch dass es der letzte gemeinsame Besuch in Paris war! Und wer wissen will, wie Arndt über das Buch denkt sei herzlich zu einem Besuch HIER eingeladen!

achtung buch: die tochter des malers von gloria goldreich

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Letztes Jahr war ich schon mit Madame Picasso in der Lichterstadt Paris unterwegs. Auch dieses Jahr führt mich der Aufbau Verlag zurück in die Welt der Kunst des goldenen Zeitalters. War es letztes Jahr der große Picasso, auf dessen Spuren ich mich bewegte, so ist es diesmal Künstlerkollege Marc Chagall und insbesondere dessen Tochter Ida, die ich kennen lernen durfte. Gloria Goldreich hatte die Feder in der Hand, und schuf eine besondere Biografie über ganz besondere Menschen. Wie auch schon in „Madame Picasso“ kann man von einer gewissen Historifiktion sprechen: Wahre Biografien werden in teilweise historische und teilweise fiktive Handlungen verpackt und ergeben insgesamt ein zauberhaftes Leseerlebnis.

Wir befinden uns im Paris der Vorkriegszeit, wo wir auf Ida Chagall und ihre Eltern Marc und Bella treffen. Ida ist ein wahrer Inbegriff der Schönheit: kupferblondes Haar, vollendete Grazie – einfach eine Augenweide. Dies wusste auch ihr Vater sehr zu schätzen, stand sie ihm doch stets Modell. Dabei ist sie in einem goldenen Käfig gefangen. Ihre Eltern, deren Leben stets von Flucht geprägt war, behüten sie und lassen ein normales Aufwachsen kaum zu. Ida wächst sehr einsam auf, sehnt sich nach Kontakten zu Gleichaltrigen und wird mehr und mehr vom Wunsch ergriffen, sich von den Eltern zu lösen, die sie wie ihren wertvollsten Besitz auf ewig für sich behalten wollen. Eine Ausnahme wird der Besuch in einem Ferienlager, wo sie Michel Rapaport kennen lernt – eine Begegnung nicht ohne Folgen.

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Unmittelbar darauf naht der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Familie schwebt in größter Gefahr, sind sie doch allesamt Juden. Jeder spürt die fast schon greifbare Bedrohung, jeder außer Marc Chagall, der von seinem Erfolg geblendet ist. Jude ja, aber noch immer mehr artiste francais. Er besucht keine Synagoge und malt sowohl weltliche als auch christliche Bilder neben den Zeichnungen der Rabbiner. Macht es das besser? Nein, denn genau wie über seine Künstlerkollegen Klee und Kandinsky spricht man auch von Marc Chagall als einen Vertreter der Gattung der „entarteten Kunst“. Kann seine Kunst ihn also wirklich retten oder wird er aufwachen und der Realität ins Auge blicken? Ida setzt alle Hebel in Bewegung, um ihre Familie zu retten und aus Frankreich wegzubringen.

Dies zeig einen wahren Einschnitt im Leben der jungen Frau, denn damit beginnt sie aus dem familiären Käfig auszubrechen. Vom gehorsamen Kind wird sie zur Bestimmerin und Versorgerin ihrer Familie, wobei ihr ihre umfangreichen Kenntnisse der Kunst sehr zugute kommen. Schließlich ist dies alles, was sie kann. So bleibt ihr Leben immer vom Vater dominiert. Einerseits führt sie zwar ein eigenes Leben, andererseits ist dieses immer fest an den Vater gebunden. Man bekommt Ida nie allein, auch kein Mann, denn stets ist da Marc im Hintergrund, der diesen Platz auch nicht aufzugeben gedenkt. Insbesondere nach dem Tod Bellas rückt Ida mehr und mehr ins Zentrum des Lebens ihres Vaters, obwohl sie doch ein eigenes lebt. Sie beginnt das Werk Marc zu verwalten, organisiert Ausstellungen und reist durch die Welt, um die Geschäfte abzuwickeln.

Marc und Ida – eine Einheit, die man nicht trennen kann? Zumindest sollte es nur ganz schwer möglich sein. Ida will ihre eigene Zukunft nicht nur dem Vater widmen, schafft den Absprung aber nie ganz, bis zu dem einen Tag, an dem sich alles ändern soll…

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Wahnsinnig gefesselt habe ich dieses Buch binnen weniger Abende regelrecht verschlungen und bin den Charakteren fast schon atemlos durch die Seiten gefolgt. Dabei konnte ich mich sehr gut mit Ida identifizieren. Auch in meinem Leben spielte die Familie immer eine übergeordnete Rolle, gerade als mein Vater krank wurde. Wie oft fragt man sich, ob etwas anders geworden wäre, wenn man selbst gelöster von den familiären Bindungen gewesen wäre. Ich sage in meinem Fall, dass ich diese Bindung nicht bereue. Man verzichtet zwar auf einiges, aber am Ende war alles genau richtig so. Ob es Ida auch so ging? Sie hatte eine Vielzahl von Einschnitten in ihrem Leben, die gravierend waren, und deren Entscheidung sicher nicht immer leicht war und man kann gut verstehen, dass sie den einen oder anderen Abzweig ihres Lebensweges bereut. Man lacht mit ihr, man weint mit ihr, man teilt ihre Ängste und Hoffnungen.

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Marc Chagall mit seiner Tochter Ida, New York 1946, Copyright: Lotte Jacobi Collection, University of New Hampshire, USA

Und – was mit am wichtigsten ist – man versteht sie. Als ich zumindest. Ich verstehe Ida und ich verstehe vor allem auch Marc, dessen Biografie dem Leser im Zusammenhang auch wunderbar vermittelt wird. Er ist nicht unbedingt der sympathischste Mensch, aber er ist authentisch zu der ruhelosen Künstlerseele, die er war. Und ich habe schon mit sehr vielen Künstlern gearbeitet, was mir genau diese Charakterzüge Marcs sehr vertraut macht. Wahrscheinlich fiel es mir deswegen auch leicht, ihn zu verstehen, mich in seine Lage hineinzuversetzen, wohingegen meine Mitleserinnen teilweise etwas Unverständnis zeigten. Ein Leben für die Kunst, in dem wenig Platz für die Bedürfnisse der anderen blieb. Denn Marcs Leben war die Kunst und Bella und Ida ein Teil dieses Lebens. So war seine kleine Welt strukturiert und die kleinste Veränderung konnte alles zum Einsturz bringen. Marc ist eine rastlose geniale Künstlerseele, die uns von der Autorin mit allen Facetten sehr bildhaft dargestellt wird. Man flucht über ihn, man bewundert ihn und ja, man mag ihn auch sehr – also ich zumindest. Ein Mensch der Gegensätze, der Kunst, ein wenig Genie und Wahnsinn.

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Allein sprachlich und stilistisch muss ich kleine Abstriche machen, wählt die Autorin oder vielleicht eher die Übersetzerin häufig dieselbe Wortwahl, die sich an manchen Stellen über ganze Absätze zieht. Dies mindert aber nicht die Qualität des erzählten Stoffes. Die Geschichte konnte mich vollends überzeugen und hat Marc und Ida und vor allem auch den Rapaports einen großen Platz im Herzen eingeräumt. Auf diese bin ich bewusst nicht eingegangen, denn es soll ja auch noch ein wenig Platz für Überraschungen geben. Eine klare Leseempfehlung für alle Freunde von Paris, der Kunst und fein gezeichneten Biografien mit viel Wahrheitsgehalt.