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Le phénomène continue: Das Bildnis aus meinem Traum von Antoine Laurain

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Während ich gerade in London auf Klassenfahrt war, erreichte mich ein wundervolles Päckchen meines Lieblingsautors und des Atlantik-Verlags. Ich hatte die Nase gerade aus der Rhapsodie Française genommen als nun auf einmal das Bild aus meinem Traum druckfrisch mit einem wundervollen persönlich gewidmeten Bild, und vielen liebevoll ausgewählten Accessoires vor mir lag. Schon in diesem Moment huschte mir ein Lächeln über die Lippen – ist es doch genau diese Detailverliebtheit, die Antoine Laurain ausmacht.

Doch worum geht es nun in seinem neuen Meisterwerk? Allem voran um eine große und zentrale Frage:

Wie viel sind wir bereit aufzugeben, um die große Liebe zu gewinnen?

Eine Frage, die sich sicher jeder von uns schon einmal gestellt hat. Eine Frage, die den Protagonisten Pierre-François Chaumont eiskalt erwischt. François ist Anwalt, verheiratet mit Charlotte, wohnhaft in Paris, wenn man es einmal knapp und nüchtern zusammenfasst. Denn: Nüchtern gestaltet sich ihr Zusammenleben. Arbeit, Routine und vor allem kein gegenseitiges Verständnis dominieren sein Leben. Kein Verständnis? Ihr habt richtig gelesen, denn François hat ein Hobby: Er sammelt Antiquitäten. Eine Leidenschaft, die schon in frühester Kindheit mit einer Sammlung von Radiergummis begann:

„Eine Sammlung beginnt mit zweien, wenn man auf der Suche nach dem dritten ist.“
(S.22)

Dass er damit jedoch noch nicht die hohe Kunst des Sammelns erreicht hatte, wurde ihm spätestens dann klar, als er sich mit seinem Onkel Edgar – ach, ich hätte ihn so gern kennengelernt – einem Paradiesvogel mit besonderen Eigenarten, über sein Hobby unterhielt. Denn Edgar war es, der ihm den wahren Sinn des Sammelns erklärte. Nicht irgendwelche Antiquitäten oder schöne Dinge solle man sammeln, sondern diese, die eine Geschichte erzählen und die Seele ihrer Vorbesitzer wahren konnten.

„“Wenn du ein echter Sammler werden willst, musst du eines verstehen: Die Dinge, die echten Dinge“, hatte er mit gehobenen Zeigefinger betont, „bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.““
(S. 27)

Von diesem Moment an änderte sich das Leben François‘ komplett. Er sammelte gezielter und entwickelte einen besonderen Sinn für das Geschäft. Auktionen wurden seine zweite Heimat, sehr zum Leidwesen seiner Frau, die ihn mehr und mehr ins Abseits drängte, sodass sein Hobby bald komplett in sein Arbeitszimmer ausgelagert wurde. Man stelle sich das einmal vor: Regale, Schränke, Ablagen zum Bersten gefüllt mit kleinen und größeren Schätzen, die den vorgegebenen Rahmen zu sprengen drohen! Nach und nach erobert er sich mehr Platz in der Wohnung zurück – sehr zum Missfallen von Charlotte.

Zur Eskalation kommt es jedoch erst, als François bei einer Auktion auf ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, das niemanden geringeren zeigt als ihn selbst. Zu Hause verhöhnt und von den Freunden milde belächelt, macht er sich auf, um die Geschichte des Bildes zu erforschen. Ein Weg, der ihn zu einem Weingut im Burgund und einer jungen Gräfin führt, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Mit großer Freude wird er dort empfangen, schließlich ist es doch er: Aimé-Charles de Rivaille, der Graf von Mandragore… oder etwa nicht?

***

Im Januar habe ich euch ja die ersten beiden auf Deutsch beim Atlantik Verlag erschienenen Bücher von Antoine Laurain vorgestellt. Damals unter dem Titel „Vom Suchen, Finden und Gefunden werden“. Ein Thema, an das ich beim Bild aus meinem Traum nahtlos anknüpfen kann. Denn auch François war verloren, auf der Suche nach dem Glück und der Liebe. Der Job war für ihn keine Erfüllung, genauso wie seine Ehe mit Charlotte. Und wieder einmal war es das Schicksal, das ihm zugute kam: Ein Bild tauchte in einer Auktion auf, nicht irgendein Bild, sondern DAS Bild. Ein Gemälde, das ihn selbst zeigt. Spätestens seit Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray sollte sich der Leser ja der Gefahr bewusst sein, die von einem spontan auftauchenden Bildnis seiner selbst ausgehen könnte, aber wie es so oft der Fall ist, überwog auch hier die Neugier. François musste das Bild haben, um jeden Preis. Und er ging als Sieger aus der Auktion hervor.

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Ehekrach, Spott und mildes Kopfschütteln waren die Reaktionen auf sein Bild und die Ähnlichkeit, die keiner außer ihm zu erkennen vermochte. Doch ihm öffnete all dies die Augen: neue Perspektiven, eine neue Zukunft. Er stürzte sich in die Recherchen und die Mühen sollten belohnt werden. Der Weg führe ihn ins Burgunder Land auf ein Weingut der Gräfin von Mandragore. Dort angekommen schien die Zeit stillzustehen. Fast schon magisch und ein wenig märchenhaft mutet die Geschichte von diesem Moment der Ankunft an. Ein Dorf, das sonst von allen Landkarten gestrichen zu sein scheint und eine traurige Vergangenheit hegt. Ist der Graf doch vor einigen Jahren spurlos verschwunden und die Gräfin einsam und in Trauer. Und nun ist er wieder da. François…. nein, Aimé, oder doch François?

Die Ankunft im Dorf bestimmt eine wichtige Wende im Leben des Anwalts, eine Entscheidung, die nur schwarz oder weiß zulässt. Eine endgültige Entscheidung ohne Weg zurück, egal welche Richtung er einschlagen würde.

„Pierre-François Chaumont, bist du da? Ein Schlag ja, zwei Schläge, nein.“
(S.189)

Auch in diesem Buch von Antoine Laurain dient die Geschichte zur Selbstfindung. Jeder einzelne Charakter findet in irgendeiner Weise seinen Platz im Leben und zu sich selbst. Ein Aspekt, der diese Geschichte zu einer wundervollen Botschaft für mich macht: nicht aufgeben, alles wird sich zur rechten Zeit fügen. Man muss manchmal aus bekanntem Terrain ausbrechen und den Mut haben, Neues zu wagen. Dann wird man auch irgendwann seinen Platz und seine Bestimmung finden.

Paris als Schauplatz rückt dieses Mal etwas in den Hintergrund, aber gerade der Sprung von der Stadt als Ort des unglücklichen Lebens des Anwalts bis hin zum märchenhaften, fast ein wenig wie in Pastell gezeichneten Weingut zeigt gleichzeitig den Weg heraus aus dem trüben Grau zum erfüllten Bunt der Zukunft. Untermalt wird dies von einer Fülle an Details, die lebendiger und liebevoller nicht sein könnten. Jeder Laurain ist davon geprägt, genau wie von einem einzigartigen Charme, der jede Seite zu einem besonderen Genuss macht. Greift zu und erlebt auch mit diesem Buch einen ganz besonderen Genuss, der den Leser mit viel Wärme und einem Glücksgefühl im Inneren zurücklässt

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189 Seiten Leseglück liegen hinter mir, 189 Seiten, die ich mit einem Lächeln im Gesicht beende, in der Gewissheit auf nachfolgende Geschichten und in der Erinnerung an einen Tag im April am Louvre im strahlenden Sonnenschein. An den Tag, an dem ich mit Antoine Laurain genau dort saß und über seine Bücher, Projekte und Gott und die Welt geredet habe. Jede Seite seiner Bücher ist Antoine Laurain, jedes Wort und jeder Satz. Ich bin sehr dankbar, diesem wundervollen Menschen begegnen zu dürfen und freue mich schon auf ein Wiedersehen in Paris. Und bis dahin bleiben ja noch einige wunderbare Geschichte.

Merci, Antoine! Merci pour le bonheur que tu apportes dans ma vie!#

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Achtung Buch: Der Turm der Welt von Benjamin Monferat

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Und weiterhin hält mich Paris in ihrem Bann! Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges springen wir heute zurück ins Jahr 1889, präzise zum Nachmittag des 29. Oktober, zweieinhalb Tage vor den Abschluss der Exposition Universelle, der Weltausstellung in Paris. Und welch prunkvolles Bild präsentiert sich uns: Einem Bienenstock gleich, summt es und brummt es an allen Ecken und Enden. Aufgeregt und fröhlich plaudernd bewegen sich die fein gekleideten Leute durch die Hallen und Ausstellungsbereiche aus aller Herren Länder. Begeisterung und Staunen ob des Unbekannten und mittendrin fröhlich tobende neugierige Kinder.

Paris – ein Fest für’s Leben! Wahrlich ein passender Spruch, den Hemingway einst prägte. Die Weltausstellung – ein Markenzeichen, das die Stadt Paris auszeichnet, und inmitten des ganzen Spektakels ragt er auf: Der Eiffelturm, Turm der Welt. Gehasst, verflucht und vergöttert zugleich. Ein Symbol der Macht, ein Sieg über die Elemente und ein Sieg der Wissenschaft, die so vieles zu erreichen vermochte und vermag. Mit respektvoller Neugier wird er bestaunt, bestiegen, angezweifelt und ist dennoch in aller Munde. Ein glanzvoller Mittelpunkt des bunten Treibens, das jedoch nicht ganz so makellos ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

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Ein Doppelmord hinter den Kulissen der Exposition. Zwei Polizisten aufgespießt auf den Zeigern der Berneau’schen Uhr, einem Meisterwerk der technischen Entwicklungen, die bisher so noch nie denkbar waren und die einen Höhepunkt der Ausstellung darstellen. Fünf vor zwölf – exakt fünf Minuten vor Mitternacht war die Uhr stehengeblieben. Eine Zufall oder doch eine böse Vorahnung auf die weiteren Geschehnisse? Es ist fünf vor zwölf in Paris – und nicht nur in Paris.

Denn: Die brisante internationale Lage scheint für den Augenblick in den Hintergrund zu rücken, aber nur an der Oberfläche. Im Untergrund brodelt es gewaltig, und jedem halbwegs intelligenten Menschen dürfte es klar sein, dass gerade in Paris, im internationalen und bunten Gewimmel der Nationen während der Ausstellung, ein Funke genügen würde, um die Situation zur Eskalation zu treiben. Wieso? Ganz einfach: Die Zukunft Europas ist mit dem Schicksal einiger der politisch und wirtschaftlich hochkarätigen Besucher der Ausstellung eng verknüpft. Da haben wir eine französische Aristokratin – Königin der Salons, die um ihr Familiengeheimnis bangt. Daneben ein deutscher Offizier mit einem großen persönlichen Anliegen, der zum Spielball der Mächte gemacht wird. Ein junger und talentierter Fotograf, der einen wahren Teufelspakt eingeht, um das Herz seiner großen Liebe zu erobern. Und eine stadtbekannte Kurtisane, deren Innerstes undurchdringlich tief ist. Letztendlich versammelt sich das gesamte Who is Who der Weltpolitik an der Spitze des Eiffelturms, um das fulminante Abschlussfeuerwerk zu bewundern. Ein perfekter Zeitpunkt für einen Anschlag, der die Welt in Chaos versinken lassen würde. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

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In seinem historisch angelehnten Roman nimmt uns Benjamin Monferat mit auf eine Reise in eine der (meiner Meinung nach) schönsten und spannendsten Epochen der Pariser Geschichte. Das ausgehende 19. Jahrhundert sprühte nur so vor Innovation und Entwicklung und verlor dabei aber nie den traditionellen Charme, der die Stadt so einzigartig macht. Und genau diesen Charme fängt er brillant ein. Man flaniert durch die eindrucksvolle Ausstellung und spürt die Aufregung, Spannung und Neugier fast körperlich, während einem die Vielzahl fremder Düfte um die Nase zu wehen scheint.

Mit viel Authentizität verknüpft er dieses mit den Geschehnissen in der Politik und ganz Europa und gibt auch tiefe Einblick in die damalige Gesellschaft samt der eindrucksvollen Salonkultur. Diese in Kombination mit der Magie der Stadt und der Ausstellung wird abgerundet vom Interesse und der Faszination für die Technischen Innovationen des industriellen Zeitalters, das schon Ende des 19. Jahrhunderts seine Schatten voraus warf.

Zu einem solchen vielseitigen Bild einer Stadt gehören natürlich auch die Charaktere, die Monferat ebenso verschieden, vielseitig und bunt gestaltet. Anfangs von der Fülle der Personen nahezu erschlagen, machte es von Seite zu Seite mehr Freude, sich auf die Spuren der Vicomtesse Albertine de Rocquefort, des jungen Offiziers Friedrich-Wilhelm von Straten, Celeste Marêchal -der Chefin des Hôtel Vernet, Madeleine Royals und Lucien Dantez zu begeben. All diese Figuren erwecken in der Geschichte das Bild der gesamten Pariser Gesellschaft sowie der Internationalen High Society aus den Bereichen Politik und Wirtschaft, sodass man sich direkt von Beginn des Romans an in einer realen und lebendigen Welt wiederfindet.

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Abgerundet wird dies noch durch den zweiten Handlungsstrang, nämlich durch die Ermittlungen im Mordfall der zwei Polizisten. Niemand geringeres als die Polizeilegende Alain Marais wird mit Hilfe des jungen Agenten Pierre Trebut auf die Spuren des Attentäters angesetzt und erleben eine wahre Schnitzeljagd durch die Seine-Metropole. All dies unter dem Deckmantel der absoluten Geheimhaltung, was gar nicht so einfach ist, nachdem mehrere Menschen zu Tode kommen.

Sie merken, liebe Leser, jede Figur – ganz gleich ob Hauptfigur oder auf den ersten Blick unscheinbare Nebenfigur – durchläuft eine große Entwicklung und spielt ihre fest zugedachte Rolle im Räderwerk der vielschichtigen Handlung. Jeder hegt seine Geheimnisse, jeder hat etwas zu verbergen, hat eine Mission zu erfüllen, ist in zwielichtige Machenschaften verstrickt oder folgt eigenen Zielen. Eine Geschichte wie ein großes dreidimensionales Puzzle, das es mit viel Geschick zusammenzufügen gilt. Spannung pur und eins ist klar: Zum Lesen erfordert es einen wachen Geist!

Wie schon angedeutet ist die gesamte Handlung sehr lebendig und verstrickt. Viele Handlungsstränge verlaufen auf den ersten Blick unabhängig parallel voneinander, um irgendwann doch durch winzig kleine Verknüpfungen miteinander verbunden zu werden. Bevor dies jedoch klar wird, bleibt viel Zeit für eigene  Gedanken, Ideen und Interpretationen. Nach und nach lichtet sich das Feld, bis ganz zuletzt alle Fäden in einem besonders fulminanten Feuerwerk zusammenlaufen und sich alles spiegelklar präsentiert. Keine Frage bleibt ungeklärt, keine Verbindung ungelöst! Ein wahrlich literarisches Meisterwerk, das uns Benjamin Monferat da präsentiert.

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Man braucht Zeit für diesen Roman, Zeit, um ihm den Raum zu geben, den er benötigt. Zeit, um die Personen kennenzulernen. Zeit, um zu ermitteln, zu forschen und zu vermuten. Zeit, um das besondere Flair zu genießen, den Charme, der den Roman umgibt und einen wie in eine weiche Decke hüllt, aus der man nicht mehr heraus möchte. Man braucht Zeit, um sich mit Verlusten abzufinden; um sich zu verabschieden; um zu bangen und zu trauern.

Benjamin Monferat hat sich mit diesem Roman selbst übertroffen. Er schuf ein Meisterwerk, eine Hommage an eine Stadt, an das Savoir Vivre, an das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er schrieb einen Roman über einen Anschlag in einer Stadt, die in jüngster Vergangenheit so oft Opfer von Terror wurde und verpackte das so gekonnt in ein Puzzle aus Wahrheit, Geschichte und Fiktion, das man nicht anders kann, als gebannt von Seite zu Seite zu fliegen und dem Geschehen atemlos zu folgen. Benjamin Monferat, dir ist ein Meisterwerk gelungen, das ich sicher nicht das letzte Mal gelesen haben werde! Auch wenn mich der Verlust einer Person mehr als schmerzt… Aber Verluste gehören nun einmal zum Leben. genau wie die Liebe es tut…

 

Achtung Buch: Die Nachtigall von Kristin Hannah

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Und wieder verschlug mich meine Lesereise nach Paris. Diesmal in ein Paris, das in seinen schwersten Jahren steckte, nämlich mitten in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Noch immer zehrten die Menschen an den Verlusten, Ängsten und sonstigen schlimmen Folgen des Ersten Weltkrieges, als sich die neue Katastrophe unausweichlich anzubahnen begann.     Ein historischer Rahmen, des es wohl recherchiert zu füllen gilt – damit hat sich Hannah eine wahrlich schwierige Aufgabe gestellt. Denn: So aktiv wie sich die deutsche Seite von Beginn des Krieges an zeigte, so passiv verhielten sich die Franzosen. Kristin Hannah gelang es jedoch auf Anhieb, genau diese besondere Stimmung im Land einzufangen. Man erduldete die Übernahme, ohne sich ihr wirklich entgegenzusetzen. Seitens des Vichy-Regimes wurden die Menschen angehalten, sich ruhig zu verhalten und kaum jemand traute sich, dem Feind entgegenzutreten. „Drôle de Guerre“ lautet ein Stichwort – ein passives Verhalten an der Westfront seitens der Franzosen und der Briten. Keine wirkliche Kriegshandlung fand statt. Beruhigend für die Franzosen, die zwar über ein mehrere Millionen Mann starkes Heer verfügten, dieses aber nie auf einen wirklichen offensiven Krieg vorbereitet hatten. Außerdem stütze sich alle Aufmerksamkeit sowieso auf die Maginot-Linie, die es zu verteidigen galt.

Eine wahrlich komische Situation, die so jedoch nicht Bestand hatte. Im Laufe der folgenden Kriegsjahre schlug sich die Passivität im Land um: die Deutschen besetzten das Land mehr und mehr, die Maginot-Linie hatte nicht gehalten. Und auch die Franzosen begannen sich zu regen. Politische Aggression grids um sich und Begriffe wie Deportation, Judenverfolgung, Vertreibung der Bevölkerung, Repressalien und Flucht begannen den Alltag zu prägen. Das Vichy-Régime versagte und gestand sich dieses Versagen nicht ein. Und unter dieser Decke begann man einen Namen zu murmeln: de Gaulle. Ein Mann, den niemand kannte, der aber schon bald mit Begriffen wie Résistance – Widerstand in Verbindung gebracht werden sollte. Eine politische Kulisse, die Kristin Hannah perfekt umzusetzen versteht. Jede Seite des Buches atmet die Seele Frankreichs zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Und inmitten dieser Geschichte haben wir sie: Zwei Schwestern, die vieles gemeinsam haben und doch verschiedener nicht sein könnten: Vianne und Isabelle de Rossignol.

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Beide Frauen leben ihr Leben im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkrieges und müssen allein auf sich gestellt ihren eigenen Weg finden. Nach dem Tod der Mutter scheiterte der Vater an seiner neuen Rolle und die Mädchen schlugen sich mehr oder weniger allein durch – eine Tatsache, die durch das übersprühende Temperament Isabelles noch verschlimmert wurde. Vianne, die Ältere ist glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter. Ein Glück, für das sie wie eine Löwin kämpft. Im Vergleich dazu springt Isabelle zeitlos durch ihr Leben. Kaum zu bändigen ist sie und Regeln und Normen sind ihr fremd. Und genau diese verschiedenen Charakterzüge sind es, die die beiden Frauen an einen Scheitelpunkt bringen: Der Krieg ist da, aber wie geht man mit ihm um?

Viannes Mann Antoine wird einberufen und gerät ziemlich schnell in Kriegsgefangenschaft. Bald schon quartiert sich ein deutscher Offizier bei ihr ein und der Zwiespalt zwischen Abneigung und Kompromissbereitschaft bestimmt das Leben der jungen Frau und ihrer Tochter. Viel schlimmer trifft dies jedoch Isabelle, die sich genau damit nicht abfinden kann. Sie kann nicht still zusehen, wie die Deutschen ihr Land, ihr Leben und nun auch noch ihre Familie okkupieren. Ihre Gefühlsausbrüche schweben permanent wie ein Damoklesschwert über dem Leben der Familie, bis zu dem Tag, an dem sie beschließt, etwas  gegen den Krieg zu tun. Durch ihre Zähigkeit und ihren starken Willen findet sie ihren Platz und ihre Bestimmung in den Reihen der Résistance und ist bereit, selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen – koste es, was es wolle.

„In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind.“

Zwei Schwestern, zwei Wege. Wege, die auf den ersten Blick nicht weiter auseinandergehen könnten und die nicht weiter zur Entfremdung führen könnten. Zwei komplexe Erzählebenen, die dem Leser eine breite Sicht auf das Geschehen in Frankreich sowie auf das Leben der Frauen, einmal im privaten und einmal im Widerstand, vermitteln. Eine Sichtweise, die sehr authentisch und klar ist. Vianne erlebt tagtäglich das Grauen der Besatzung mit dem steigenden Mangel der Versorgung bis hin zur harten Durchsetzung der antijüdischen Gesetze. Sie sieht Freunde abtransportiert werden, sie sieht Kinder sterben und erträgt dies. Noch. Im Gegensatz dazu stürzt sich Isabelle in ein wagemutiges Abenteuer: Ihr gelingt es unter dem Decknamen „Nachtigall“ abgeschossene alliierte Piloten über die Pyrenäen zu bringen und wird zu einem der meistgesuchten Feinde der Deutschen. Angst kennt sie dabei nicht. Noch nicht.

Und doch sind es genau diese verschiedenen Wege, die die Schwestern wieder vereinen sollen, ohne dass diese es zu Beginn merken. Beide stellen sie fest, dass der Krieg seine eigenen Regeln schreibt. Vianne, die immer voller Liebe war, muss lernen, dass eine Liebe nicht mehr geliebt werden darf. Isabelle hingegen erfährt die erste große Liebe, allerdings auch eine Liebe, die nicht geliebt werden darf. Doch zum ersten Mal kann sie nun verstehen, wie ihre Schwester bedingungslos alles erdulden kann, um ihre Familie zu schützen. Auch der Verlust des Vaters, von dem beide Schwestern nach dem Tod der Mutter nur Ablehnung erfuhren, prägt das Leben der Schwestern auf besondere Weise. Beide Schwestern beginnen zu kämpfen, jede auf ihre Art und Weise, aber beide – ohne dies zu wissen – für dasselbe Ziel. Und beide haben doch mehr von der anderen in sich, als sie es sich je eingestehen würden.

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Zwei Frauen vor einer einmalig realistisch erschaffenen Kulisse. Zwei Frauen, deren Schicksal mich nachhaltig so stark prägt, dass es nur schwer einzuordnen ist. Zwei Leben, die genau so hätten gelebt werden können. Keine Klischees, keine Übertreibung, sondern zwei präzise herausgearbeitete Charaktere, die für ein ganzes Land stehen. Ihre Entwicklungen und Denkprozesse, die einfach nur beeindruckend sind. Ein über sich selbst Hinauswachsen der ganz besonders großen sprachlichen und stilistischen Klasse wird präsentiert, das einen atemlos an der Seite beider Schwestern hält. Für Romantische Verklärung ist nicht viel Platz, aber dennoch wird jedes zarte Gefühl der Liebe und Zuneigung so klar beschrieben, dass es die Kälte des Krieges wie eine zarte Flamme zu durchdringen vermag.

Ein Roman, der so tief ist, so intensiv und so herzzerreißend, dass ich ihn nie wieder aus meinem Herzen vertreiben mag. Ein Roman, der mich so stark beeindruckt hat, wie es nur wenige Romane mit dieser Thematik zu tun vermögen. Zwei Schwestern, die mich seit der letzten Seite wie zwei Schatten begleiten, mit denen ich eine intensive Zeit verbrachte, mit denen ich lebte, litt und weinte und die mich mit ihrer Stärke zu prägen vermochten. Zwei Schwestern, die ihren Platz in meinem Herzen gefunden haben, die mich nicht nur einmal zum Weinen brachten und die mich festhielten und mir Wärme gaben, als mich die Kälte des Krieges gefangen hielt. Ein Buch für die langen Herbstabende, ein Buch zum sich darin verlieren. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Für mich nahezu unübertrefflich!

„Manche Geschichten haben kein glückliches Ende. Selbst wenn es um Liebe geht. Womöglich vor allem dann.“

 

Achtung Buch: Die Vegetarierin von Han Kang

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Als eine der großen literarischen Entdeckungen wird „Die Vegetarierin“ von der südkoreanischen Autorin Hang Kan angepriesen, und das mit Recht. Nachdem ich binnen weniger Tage dieses Werk nahezu verschlungen habe, bin ich noch immer zutiefst aufgewühlt, verstört und zugleich beeindruckt von dem Gelesenen. Im Vorfeld war mir die Autorin gänzlich unbekannt und rückte nur durch meine neugeweckte Liebe zur asiatischen Literatur in meinen Fokus, die oftmals mit leisen Worten so vieles auf eine besondere Art und Weise auszudrücken vermag.

Und genau so war es auch mit diesem Buch. Wenige Sätze genügten, um mich vollkommen in den Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Mittendrin war ich in der Geschichte der Südkoreanerin Yong Hye, einer ganz normalen Ehefrau – fast schon zu normal, wenn man ihrem Ehemann glaubt, der genau das schon zu Beginn des Romans beschreibt:

„Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“, sagt er. „Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen.“

Normal und unscheinbar: Werte, die für ihn groß geschrieben werden. Auf keinen Fall auffallen oder gar anders sein. So lebten sie still miteinander oder doch eher nebeneinander in einem Land, das von ebendiesen Normen geprägt ist. Bis zu jenem besagten Abend, an dem alles Yong Hye vor dem Kühlschrank sitzt, inmitten von haufenweise eingefrorenem Fleisch in allen Variationen. Fleisch, das man von keiner Speisekarte wegdenken kann und das zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen. Alle essen Fleisch, die ganze Familie kocht und liebt es. Vegetarismus ist streng verpönt und absolut nicht akzeptabel. Schon gar nicht in Yong Hyes Familie. Doch dann passiert genau in dieser Nacht das Unglaubliche. Yong Hye hört auf Fleisch zu essen, überhaupt alles Tierische wird von der Speisekarte gestrichen. Eine einzige knappe Begründung gibt es immer wieder:

„Ich hatte einen Traum.“

Nich mehr und nicht weniger. Träume waren es von Blut, von Fleisch, vom Fressen und gefressen werden. Aus der Ablehnung des Fleisches wird eine Ablehnung des Essens überhaupt. Mehr und mehr verfällt die junge Frau und geht vor den Augen ihrer Familie zugrunde. Bis es bei einer Familienfeier zur Eskalation kommt: Der Vater, das Oberhaupt der Familie, versucht seine Tochter „zu Vernunft“ zu bringen, indem er ihr gewaltsam Fleisch in den Mund steckt.

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Spätestens in diesem Moment wird alles klar: Fleisch ist nicht nur Fleisch und auch nicht nur ein Symbol für das Essen in Korea. Fleisch steht in diesem Buch als Symbol für Gewalt, für alle Gewalt, gegen die es aufzubegehren gilt. Ganz gleich ob häusliche Gewalt oder andere tätliche Gewalt. Und Yong Hye steht genau in der Mitte des Ganzen als Symbol für den Kampf und für die Freiheit in einer Umgebung, die dieser entgegensteht. Sie steht für den Kampf und für den Wandel.

Und der Wandel ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Roman schon fast kafkaesk anmutet, wenn nicht sogar ein wenig an Ovids Metamorphosen denken lässt. Mit dem Verzicht auf Fleisch kommt in der jungen Frau nämlich ein großer Wunsch auf: Sie will selbst zur Pflanze werden. Und einen Moment, einen sehr bizarren Moment lang, scheint dieser sogar wahr zu werden. Ein wilder Akt, den ich an dieser Stelle nicht näher beschreiben will, der für mich aber zu einer schockierenden und dennoch sehr faszinierenden Stelle im Buch wurde. Ein Akt der Befreiung, nachdem sie sich schon in der Öffentlichkeit entblößte und der Sonne entgegenstreckte – wie eine Pflanze auf der Suche nach dem rettenden Sonnenlicht.

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Leise Töne dominieren diesen Roman – leise Töne, die so laut in den Ohren widerhallen wie die Gewalt und die Brutalität, die hinter dem gesamten Verhalten Yong Hyes stecken und Auslöser des Ganzen sind. Gewalt und Brutalität, die das Leben der jungen Frau von Kindesbeinen an auf verschiedenste Art und Weise prägten und die immer gut verschlossen unter der Oberfläche gehalten wurden – man muss ja schließlich die Norm wahren.

Der Verzicht auf Fleisch – ein stummer Aufschrei mit einer gravierenden Wirkung. „Lass uns einfach nicht nach Hause gehen“, sagte sie zu ihrer Schwester in jungen Jahren. Damals schon ein leiser Hilferuf, der nie erhört wurde. Vielleicht hätte es etwas geändert, vielleicht auch nicht…

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Tief aufgewühlt lässt mich dieser Roman zurück, voller Fragen, auf die ich momentan keine Antworten finde und vielleicht auch nicht finden werde oder finden will. Nicht umsonst hat „Die Vegetarierin“ den Man Booker International Prize gewonnen und wird hoch im Kurs gehandelt. Er ist ein literarisches Meisterwerk, das einen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und weit darüber hinaus beschäftigt. Man schaut über die Grenzen, denn dieser Roman steht für weit mehr als für den Vegetarismus in Korea, als für Normen und Auflehnung. Er hält uns einen Spiegel vor, einen Spiegel der Gesellschaft und der Doktrinen. Einen Spiegel derer, die die Freiheit suchen und alles dafür geben. Und steht es nicht jedem Menschen frei, das zu sein? FREI?

Karin zu Gast bei den Zimtträumereien

Meine lieben Leser,

Gewinnspiele sind ja immer etwas Feines für denjenigen, dem die Glücksfee hold ist und natürlich auch für den, der es ausrichtet. Vor Kurzem habe ich ein Exemplar des tollen Buchs „Der Wahnsinn den man Liebe nennt“ verlost und die glückliche Gewinnerin war die liebe Karin. Als ich ihr das Buch zusendete, habe ich sie gebeten, mir doch kurz zu sagen, wie es ihr gefallen hat. Dass daraufhin eine ganze Rezension bei mir einflattert – damit habe ich wirklich nicht gerechnet, und die Karin gebeten, diese für euch veröffentlichen zu dürfen! Danke für deine Worte, Karin und nun Vorhang auf für dich 🙂

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Zum Inhalt: 

Heldin der Geschichte ist Susa Bergmann. Sie ist Inhaberin des „Papermoon“, einem Geschäft für Papierwaren aller Art und ihr Mann Wolf, mit dem sie seit 10 Jahre glücklich verheiratet ist, unterhält ein Immobiliengeschäft. Beide sind erfolgreich bei ihrer Arbeit und auch der Umzug von der einfach Mietwohnung in Schwabing ging gut über die Bühne jetzt in die Maria-Theresia-Straße,  eine der besten Gegenden von München. Alles ist eingerichtet und fertig. Doch plötzlich erhält Susa den Anruf einer Spedition: Es soll noch ein Kühlschrank geliefert werden. Doch die Adresse stimmt leider nicht. Was tun? Ihr Mann Wolf, der Auftraggeber, ist aber leider auf Geschäftsreise in Berlin und nicht erreichbar und so nimmt Susa sich der Sache an und kommt hinter eine schreckliche Wahrheit.

Meine Meinung:

Wie das Leben manchmal so spielt. Ja, Kommissar Zufall bringt in dem scheinbar glücklichen und geordneten Leben von Susa Bergmann einiges durcheinander.  Wobei ich jetzt nicht nur ihre Ehe mit Wolf,  sondern auch ihr ganzes Umfeld, Familie und Freunde meine. Hey, irgendwie lässt dieser Vorname Wolf auf keine guten Eigenschaften bei einem Mann hoffen, oder? War zumindest mein erster Gedanke., was sich dann letztendlich auch für meinen Geschmack bewahrheitet hat.

Irgendwie ist es ein Dominoeffekt: Ein Stein fällt und plötzlich kommt eins zum anderen. Schön wie die Autorin Clara Römer quasi die Ehe, Familie und den Freundeskreis auseinander nimmt, um dann am Ende zu schauen, was noch passen könnte.

Dabei macht sie weder vor ihren weiblichen noch vor männlichen Protagonisten halt. Jeder bekommt sein Fett weg und muss sich selber fragen, kann es das wirklich sein. Einzige Ausnahme sind Wolf und Susa Vater – beides für sich gesehen und in ihrer Veranlagung eigentlich menschlich gesehen Schweine/Wölfe, was ihr persönliche Verhalten angeht. Nur auf ihren Vorteil bedacht.

Trotzdem bekommen beide lange Zeit von Susa einen Heiligenschein verpasst und es fällt ihr nur sehr schwer, endlich den Egomann in den beiden Männern zu sehen. Schade das Susa da auch so hart mit ihrer Mutter ins Gericht geht. Denn ein Kind aus einem Seitensprung aufzunehmen, stelle ich mir extrem schwer vor und letztendlich ist die Mama immer nur das dritte Rad am Wagen in dieser Familie gewesen. Denn Susa ist immer schon ein Papa-Kind gewesen. Was irgendwie in ihrer Einschätzung der Lage der Dinge in ihrer Familie keine wirkliche Beachtung findet.

Eine interessante, schön erzählte Geschichte, die zeigt wie man plötzlich vor den Trümmern einer Beziehung stehen kann und wie blind die Liebe machen kann.

 

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Liebe Karin,

ich freue mich sehr, dass dir das Buch so gut gefallen hat und danke dir herzlich für deine ausführliche Meinung!

Achtung Buch: Die Holunderschwestern von Teresa Simon

 

Anfang letzten Jahres veröffentlichte Teresa Simon ihren Debütroman „Die Frauen der Rosenvilla“ und erreichte damit sehr verdient einen großen Erfolg. Rosen, Dresden und Schokolade waren die Stichworte, die über der Geschichte, die sich um ein Familiengeheimnis rankt, standen.

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Und auch dieses Jahr steht ein großes Familiengeheimnis im Zentrum des neuen Romans „Die Holunderschwestern“. Die junge Restauratorin Katharina Raith bekommt an einem Vormittag überraschend Besuch von dem charmanten jungen Engländer Alex Bluebird, der ihr die Tagebücher ihrer verstorbenen Urgroßmutter Fanny überreicht. Beim Lesen taucht sie tief in die Geschichte ihrer eigenen Familie ein, die so manches gut gehütete Geheimnis verbirgt. Geheimnisse, die bis ins Hier und Jetzt reichen. Denn wieso sonst würde die eigene Mutter so abweisend auf Katharinas Fragen reagieren und wieso ist da auf einmal so eine große Aufregung von allen Seiten, als Isi, die Freundin und Kollegin von Katharina, eine alte Kücheneinrichtung aufspürt, die sie unbedingt wieder im alten Glanz erstrahlen lassen will. Findet es heraus!

Doch zunächst einmal tauchen wir mit Katharina tief ein in die Geschichte Münchens im Jahre 1918. Fanny lebte mit ihrer Zwillingsschwester Fritzi und dem Vater nach dem Tod der Mutter in einem kleinen bayerischen Ort, an dem sie sich sehr eingeengt fühlt. Die Luft zum Atmen fehlt ihr schier und sie beschließt, in einer Nacht und Nebelaktion nach München zu fliehen, um in der Großstadt ihr Glück zu machen. Schweren Herzens lässt sie ihre Schwester Fritzi und den Vater zurück und beginnt ihr neues Leben. Ein neues Leben, das nicht den besten Start nahm, wurde Fanny doch schon im Zug vom schlechten Gewissen und der Sehnsucht zu Fritzi geplagt. In diesem Moment tritt die junge Alina Rosengart in ihr Leben, eine Bekanntschaft, die Fannys Zukunft in München nachhaltig prägen soll. Die beiden Mädchen werden beste Freundinnen und Vertraute und Fanny bekommt durch die Rosengarts die Möglichkeit, sich aktiv an Politik, Kultur und Kunst zu beteiligen. Sie lernt die Familie von Paul Klee kennen und verbringt viel Zeit in diesen Kreisen.

Eines Tages jedoch steht Fritzi vor der Tür, die die Trennung von der Zwillingsschwester nicht mehr aushielt und nun auch in der Großstadt Fuß fassen will. Schnell macht auch sie sich einen Ruf, jedoch ganz anders, als man es sich gewünscht hätte. Im Gegensatz zu Fanny gerät sie schnell in judenfeindliche Kreise, während ein Mann namens Adolf Hitler mehr und mehr an Macht gewinnt…

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Wieder ist Teresa Simon ein wahrer Geniestreich gelungen. Genau wie „Die Frauen der Rosenvilla“ sind auch „Die Holunderschwestern“ ein wahrer Pageturner. Gekonnt springt die Autorin zwischen den beiden Zeitebenen und vermittelt dem Leser nicht nur eine tolle Rahmenhandlung, sondern gibt auch auf besondere Art und Weise tiefe Einblicke in die Geschichte Münchens. Dieses tut sie jedoch nicht durch die sture Vermittlung von Fakten, vielmehr lässt sie uns Geschichte (er)leben. Man schaut den Charakteren über die Schulter, erlebt mit, wie es den einzelnen Protagonisten ergangen ist, welche Schwierigkeiten sie im Leben zu meistern hatten und wie leicht man geblendet werden konnte und so ins falsche Lager abdriftete.

Dabei wählt sie ein Zwillingspaar als Hauptprotagonisten der Vergangenheitsebene: Fanny und Fritzi. Sie sind einerseits so eng verbunden, wie es nur Zwillinge sein können und andererseits doch so konträr wie Licht und Schatten, Gut und Böse, Hell und Dunkel…. Macht euch selbst ein Bild! Dennoch waren sie beide auf ihre Art sehr sympathisch – man kann ja nachvollziehen, warum wer wie gehandelt hat. Fanny ist und bleibt jedoch meine heimliche Favoritin – gemeinsam mit Alina und Bubi. Ach, ihr werdet sie in euer Herz schließen!

Auch die Protagonisten der Jetztzeit lassen keine Wünsche offen. Mit Charme erobert Alex nicht nur das Herz von Katharina und Isi, sondern auch das Leserherz. Die beiden Restauratorinnenmädels sind einfach nur herzerfrischend und sprühen vor Leben, sodass man sie einfach lieben muss und auch die diversen Nebencharaktere verzaubern mit ihren charakteristischen Eigenschaften von ruppig bis geheimnisvoll. Eine tolle Mischung!

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Und das Handwerk darf bei Teresa natürlich auch nicht zu kurz kommen. Waren es im letzten Jahr Schokolade und die Kunst der Pralinenherstellung, so sind es diesmal Holunder und Restauration, die ins Zentrum gerückt werden. Dabei trumpft die Autorin einmal mehr mit viel gut recherchiertem Fachwissen und Liebe zum Detail auf, die das Buch noch authentischer machen, als es so schon ist. Da wird nicht an der Oberfläche gekratzt, sondern tief in die Materie eingetaucht.

Alles in allem ist „Die Holunderschwestern“ ein Roman, der sehr kurzweilige und tiefe Lesemomente garantiert. Eintauchen und genießen heißt die Devise beim Lesen – und dabei noch etwas lernen. Mitgefühl, Hoffnung, Zuversicht, Liebe und Leid und viel Vertrauen – das sind wohl die wichtigsten Gefühle, die in jeder einzelnen Zeile des Buches mitschwingen und den Leser festhalten und einfangen. Und das Sahnehäubchen bilden am Ende – wie sollte es bei Teresa Simon auch anders sein – eine Sammlung köstlicher Rezepte, die auch noch das Genießerherz höher schlagen lässt.

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Ideal für den Sommer, Urlaub, Strand, Balkon, Garten – einfach ideal für alle Lebenslagen! Danke für diesen Lesegenuss, liebe Teresa! Ich freue mich schon sehr auf dein drittes Buch!

Und ihr, liebe Leser, seid herzlich eingeladen, auch das absolut tolle Interview mit Teresa Simon zu genießen, bei dem sie viel aus dem Nähkästchen plauderte und viele persönliche Einblicke gibt. Hier geht’s entlang:

„Es muss nicht immer Schokolade sein!“ – Im Gespräch mit Teresa Simon

 

 

 

 

Achtung Buch: Die Ernte des Bösen von Robert Galbraith

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Nachdem mich die ersten beiden Bände der Kormoran Strike Serie auf Anhieb überzeugen und fesseln konnten, stand es natürlich außer Frage, dass auch dieser dritte Band bei mir einziehen muss. Und große Freude herrschte schon beim Betrachten des tollen Covers, das die Tower Bridge in mystischer Stimmung zeigt und schon viel Spannung verspricht.

Und spannend geht es auch direkt los, denn an Robin wurde ein Paket gesendet, in dem sich ein abgesägtes Frauenbein befindet. Eine Geschichte beginnt, die mehr ist als ein morbider Scherz. Viel zu schnell wird deutlich, dass es sowohl für Robin als auch für Strike zur Privatangelegenheit wird, in der sich Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit der beiden nicht nur an einer Stelle kreuzen. 4 Männer aus Strikes Vergangenheit sind für Strike potenzielle Kandidaten für diese makabere Tat, mit der sowohl Robin als auch er selbst angegriffen werden sollen. Alle 4 hat Strike persönlich hinter Gitter oder zumindest vor Gericht gebracht und alle 4 haben ein handfestes Motiv zur Rache. Da haben wir einen Pädophilen, einen Gauner, einen ehemaligen Kameraden und Strikes eigenen Stiefvater, der schon unter dem handfesten Tatverdacht steht, Strikes Mutter umgebracht zu haben.

Gemeinsam mit Strike und Robin verfolgen wir diese vier Männer, was nicht immer leicht ist. Viel Vergangenheit muss aufgearbeitet werden, vieles erklärt und deutlich gemacht werden. Dazu kommt noch die nervenaufreibende Gegenwart, denn schließlich steht Robins Hochzeit vor der Tür. Ein Grund zu feiern? Eher nicht, denn graue Wolken verhängen den Liebeshimmel – und zaubern mir, die schon seit Band 1 auf ein Happy End für Strike und Robin hofft – ein breites grinsen ins Gesicht. Ob es dieses Happy End jedoch geben wird, steht nach wie vor in den Sternen. Wir switches also zwischen den Ermittlungen und dem Privatleben der Protagonisten hin und her, was der Handlung eine neue Dynamik gibt.

Durch die vielen Rückblicke und Erklärungen bekommt man manchmal den Eindruck, dass die Geschichte langatmig sein könnte, ist sie aber keineswegs. Ein steter und sehr gut konstruierter Spannungsbogen umrahmt das Ganze und ergibt einen Krimi, dem es an nichts fehlt. Dafür sorgen auch nicht zuletzt unsere beiden Ermittler Strike und Robin, die mit ihrem einzigartigen Charme – er ruppig-liebenswert, sie pfiffig-keck – wie schon in den vorherigen Bänden zu überzeugen wissen. Dazu kommen noch kurze Einblicke in das Leben und Denken des Mörders – eine wirklich kranke Seele, von der man bis zuletzt nicht weiß, wer dahintersteckt.

Vielseitig, spannend, gut strukturiert und abwechslungsreich, mit tollen Charakteren und einem super Handlungsort gespickt, ist dieser Krimi wirklich eine würdige Fortsetzung und ein absoluter Lesegenuss, den ich jedem Krimifan nur sehr empfehlen kann.